Von François Bondy

Als ich im Herbst den ungarischen Literaturhistoriker und Philosophen Georg Lukács für das französische Fernsehen interviewte – sein Französisch ist vorzüglich, obgleich, wie er sagt, „mit deutscher Syntax und ungarischem Akzent“ –, wollte ihn die Regie in Bewegung bringen, von einem Zimmer zum anderen gehend und dergleichen. Da sagte Lukács plötzlich: „Messieurs, wenn Brigitte Bardot steht, sich setzt oder liegt, so ist es immer interessant. Ich aber bin ein alter Mann von 85 Jahren, und bei mir ist es höchstens interessant, wenn ich spreche.“

„Interessant“ – das ist der große marxistische Kulturphilosoph Lukács heute allerdings in Ost und West, für die Generationen der Söhne und Enkel, wie er es bereits vor 65 Jahren für seine Lehrer und seine Altersgenossen gewesen ist. Jene mögen freilich überrascht gewesen sein, wie sich der ästhetisch orientierte Gelehrte, Sohn eines Budapester Bankiers, 1918 in einen politischrevolutionären Denker verwandelt, der binnen weniger Monate bis ins Machtzentrum der ungarischen Kommunisten aufrückt.

Es ist manchmal vom „Scheitern“ des Politikers Lukács gesprochen worden, wegen des Schicksals der ungarischen Kommune von 1919 und des ungarischen Aufstandes von 1956. Beide Male hatte er Verantwortung übernommen: In der Räterepublik unter Bela Kun war er Volksbildungskommissar, in der Regierung Imre Nagy Kultusminister. Doch macht Lukács auf den letzten Seiten des ersten Teils seiner „Ästhetik“ (1964) geltend, man dürfe „dem Sozialismus nicht kurzfristige Ultimaten stellen“. Trotz der stalinistischen „Episode“, trotz der Erfahrungen eines halben Jahrhunderts, in dem er so oft zum Widerruf seiner Ideen gezwungen wurde, in dem er kritisiert, verleumdet, verbannt, aus der Partei ausgeschlossen und totgeschwiegen wurde (wie in den elf Jahren nach dem Volksaufstand von 1956), trotz alledem bleibt die Zukunft des Sozialismus für ihn unberührt. Das kann zweierlei bedeuten: eine sehr weite historische Perspektive oder aber einen Glaubensakt, der durch keine Erfahrungen, welcher Zeitspanne auch immer, widerlegbar wäre.

Inzwischen sieht Lukács die eigentliche Überwindung des Stalinismus als dringende Aufgabe an, die noch längst nicht erfüllt worden ist, auch in Ungarn nicht. Für die junge Generation, mit der ihn mehr menschliche Sympathie als Ideengemeinschaft verbindet, verkörpert er heute die althergebrachten Tugenden der geistigen Weite, des Weltbürgertums, der Diskussionsbereitschaft und des Muts, nicht aber eine eigene, politisch-philosophische überzeugende Auffassung wie noch 1923, als sein in der Wiener Emigration verfaßtes Werk „Die Geschichte und das soziale Klassenbewußtsein“ erschien, das sogleich in Moskau verboten wurde.

Auf die Generation seiner Lehrer und auf die Gleichaltrigen in Heidelberg hat der junge Ungar einen mächtigen Eindruck gemacht, wie das Marianne Weber oder Thomas Mann bezeugt haben. Seine Polemiken der späteren Jahre waren nicht mehr so glücklich. So verurteilte er pauschal den Expressionismus als Wegbereiter des Hitlertums. Theodor Adorno hat Lukács Pauschalanklage der deutschen Philosophie (Hegel stets ausgenommen) als einen Akt geistiger Selbstzerstörung beklagt. Brecht machte gegen Lukács’ strenge Unterscheidung der Gattungen geltend, daß man „nicht vom guten Alten, sondern vom schlechten Neuen“ ausgehen müsse.

In der großen Auseinandersetzung mit Karl Jaspers, die ich in Genf bei den Rencontres Internationales von 1946 miterlebt habe, wirkte Lukács zugleich unbegrenzt diskutierbereit und prinzipiell verschlossen. Er hatte hier in einem sehr politischen Vortrag sauber kategorisiert: die wahren Demokraten der Volksdemokratie, die Demokraten guten Willens, die für sie Verständnis hätten, und die nur formellen Demokraten des Westens. Noch höre ich, wie der französische Schriftsteller Jean Guehénno auf einmal ausbrach: „Mir scheint, in unserer formellen Demokratie ist doch manches sehr real, und in euren realen Demokratien manches nur formell.“