Von Marianne Kesting

In der gegenwärtigen deutschsprachigen Schriftstellerei sind es nicht zuletzt junge Österreicher, die einen beträchtlichen Aufschwung des literarischen Niveaus bewirkt haben. Offenbar hat die ehemalige Donaumonarchie nicht nur ein erkleckliches Reservoir an literarischen Begabungen aufzuweisen, sondern auch, durch die Sprachrecherchen der „Wiener Schule“, so etwas wie eine „Tradition der Moderne die unserer leicht provinziellen Nachkriegsliteratur einen Hauch von „Welt“ und Urbanität beschert.

Er scheint nicht nur in Wien zu wehen und um die inzwischen berühmte „Wiener Gruppe“, die gar nicht in Wien leben mag. In den letzten Jahren kamen etliche junge Schriftsteller auch aus der Provinz, aus Klagenfurt, aus Griffen, aus Graz. Verblüffend ist, mit welch schlafwandlerischer Sicherheit ganz junge Debütanten sich eines „spät“ zu nennenden literarischen Bewußtseins bemächtigen. Da gibt es keine Umwege, keine bläßlichen oder gar pubertären Lebensbeschreibungen, keine Versuche, unbegriffene Usancen des Nouveau Roman zu kopieren. Sie pochen auf ihre eigene Tradition, und offenbar tun sie recht daran.

Der junge Gert Friedrich Jonke gehört für mich zu jenem erstaunlichen Phänomen innerhalb der neuen österreichischen Literatur. Gleich mit seinem ersten, vor etwa einem Jahr publizierten „Geometrischen Heimatroman“ nahm er sich, mit Hilfe höchst origineller ästhetischer Verfahren, eines bedeutsamen Themas an, der unheimlichen Liquidierung eines Dorfes durch das Vordringen der technischen Zivilisation, und begriff als einen erschreckenden Vorgang den des Bauens.

Daß dieser Vorgang heute ein wahrhaft erschreckender ist, muß nicht als Ausgeburt dichterischer Phantasie hingestellt werden. Täglich kann jeder, der will, beobachten, wie rings um die Städte und Dörfer die Landschaften mit Baustellen und dann Siedlungen, Fabriken, Kanälen zuwuchern, ein Trend, der durchaus etwas zwanghaft Unabänderliches, etwas Urwaldgefräßiges hat, „naturhaft“ in dem Sinne, daß er nicht mehr gesteuert und nicht mehr beherrschbar erscheint, sondern. Eigengesetzlichkeiten entwickelt. Um uns wird eine geometrische, gerasterte „Gegennatur“ errichtet. Das Gesetz der Wucherung ist an einem Dorf und seiner Veränderung genauer zu beobachten als an einer Großstadt, die heute ohnehin ein Wucherungsgebilde ist.

In seinem „Geometrischen Heimatroman“ beschränkte sich G. F. Jonke darauf, solch ein Dorf, sogar einen Dorfplatz in seinen Veränderungen durch das Bauen zu beschreiben. In

G. F. Jonke: „Glashausbesichtigung“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 119 S., 10,– DM