Von François Bondy

Cioran (ich habe ihn nie gefragt, für welche Vornamen die Initialen E. M. stehen) ist Sohn eines rumänischen Popen, später Metropoliten, aus Siebenbürgen. Er lebt seit mehr als dreißig Jahren in Paris, publiziert Aphorismen und Essays, von denen bisher drei Bände bei drei verschiedenen deutschen Verlegern erschienen sind –

E. M. Cioran: „Syllogismen der Bitterkeit“, aus dem Französischen von Kurt Leonhard; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1969; 117 S., 12,– DM

E. M. Cioran: „Geschichte und Utopie“, aus dem Französischen von Kurt Leonhard; Versuche 1, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1965; 130 S., 9,60 DM

E. M. Cioran: „Lehre vom Zerfall“, aus dem Französischen von Paul Celan; Rowohlt Verlag, Hamburg 1953; 216 S., (vergriffen).

Fischer kündigt an, daß er nach den „Syllogismen der Bitterkeit“ weitere Werke Ciorans publizieren werde. Ciorans erfolgreichste neuere Bücher in Frankreich – neuerdings auch in den USA – waren „Die Versuchung des Existierens“, „Geschichte und Utopie“ und „Der böse Demiurg“. Bei geringen Auflagen und entsprechenden Einkünften genießt Cioran einen fast esoterischen, aber intensiven Ruhm, jetzt auch in Rumänien, wo er lange Jahre als Erzreaktionär verschrien war. Susan Sontag, die amerikanische Kritikerin, die einen außerordentlichen Spürsinn für das „Kommende“ hat, widmete ihm in ihrem jüngsten Band „Styles of radical will“ einen Essay, mit dem jedoch Cioran selber wenig anfangen kann.

Cioran, der strenge, radikale Pessimist, ist – fast geniert man sich, es zu schreiben – ein herzlicher, unterhaltsamer, kommunikativer Mensch, der freilich eher, und zwar ausführlich, von seinen Freunden (darunter insbesondere Ionesco und Beckett) erzählt als von sich selber; auch im gegenwärtigen Fall hat er es nur unter einigem Bedrängen getan. Der Rumäne schreibt eine französische Meisterprosa, mit der sich heute nur wenige, wie etwa Roger Caillois, messen können. Seine Hauptlektüre sind Mystiker und Dichte. – unter ihnen zur Zeit vor allem neue amerikanische Lyriker – und immer wieder Dostojewskij. Cioran hatte sich sehr jung vorgenommen, unverehelicht, unabhängig, bedürfnislos zu leben. Er hat sich daran gehalten.