Er hat die Welt verändert: Am 22. April vor hundert Jahren wurde Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin geboren

Von Franz Marek

In der illegalen „Samisdat“-Literatur der Sowjetunion berufen sich alte Bolschewiken und junge Kommunisten auf Lenin und verlangen die Rückkehr zu „Leninschen Normen“. Aber Publizisten und Politologen im Westen vertreten den Standpunkt, daß Lenin Stalin vorweggenommen habe: Wenn Stalin sich als „Lenin von heute“ feiern ließ, sei Lenin der Stalin von gestern gewesen.

Gewiß wird eingeräumt, der Mann, der „Schmach und Schande“ über jeden Antisemiten donnerte, hätte Babij Jar nie ein Denkmal verweigert; der vor den großrussischen Halt-die-Schnauze-Nationalisten gewarnt hat, hätte nie ganze Völkerschaften deportiert; der dem Führer der Menschewiki, Martow, zur Flucht verhalf und ein offizielles Begräbnis für Kropotkin, mit den schwarzen Fahnen der Anarchie, zuließ, hätte nie Schauprozesse gegen Oppositionelle organisiert.

Für den Mann, dem, wie Bertrand Russell berichtet, jedes Gefühl für die Wichtigkeit seiner eigenen Person fehlte, wäre nie ein byzantinischer Personenkult zurechtgeschneidert worden. Der jeden einen hoffnungslosen Idioten nannte, der ohne Studium der Dokumente Parteiinstanzen aufs Wort glaubt, hätte nie das pythagoreische „Er selbst hat es gesagt“ zum Parteiprinzip erhoben.

Aber: Hat nicht Rosa Luxemburg unmittelbar nach dem russischen Oktober vor der Unterdrückung der „Freiheit des Andersdenkenden“ gewarnt und Konsequenzen vorausgesagt, die prompt eintraten? War Lenin nicht der Autor jener Resolution des 10. Parteitags, 1921, die die Bildung von Fraktionen in der Kommunistischen Partei untersagte? Lenins Argument, daß Meinungsverschiedenheiten dem Klassenfeind nützten, konnte von Stalin zu der These ausgebaut werden, daß Meinungen, die sich von seiner eigenen unterschieden, vom Klassenfeind stammten. Hatte Lenin nicht die Kommunistische Internationale als „Weltpartei“ geschaffen, mit dem Feldherrnhügel in Moskau? Und wirkt dieses Konzept nicht heute noch nach – obwohl es die Komintern nicht mehr gibt und auf dem Feldherrnhügel nur mehr Feldwebel stehen?

Wir wissen von Diskussionen russischer Kommunisten, die ernsthaft die Frage stellen, ob Lenin sich wohl damals auf den russischen Oktober orientiert hätte, wenn er nicht von der Unvermeidlichkeit der nahen Weltrevolution überzeugt gewesen wäre. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, überlegen manche, die so fragen, wenn die Bolschewiki in diesem rückständigen Land damals nicht über die bürgerlich-demokratische Revolution hinausgegangen wären und ein gewisses Stadium kapitalistischer Industrialisierung abgewartet hätten.