Samisdat: Untergrund-Dokumente in der Sowjetunion

Von Karel van het Reve

Karel van het Reve ist Professor für russische Literatur an der Universität Leiden, Sekretär der

Alexander-Herzen-Stiftung in Amsterdam, die in der Sowjetunion verbotene russische Literatur veröffentlicht, und hat als Korrespondent einer niederländischen Zeitung unlängst ein Jahr in Moskau verbracht.

Im Frühjahr 1968 gab mir ein weniger bedeutender russischer Dichter vierzehn Schreibmaschinenseiten, damit ich sie „zu Hause studieren“ könne. Als ich nach Hause kam, stellte ich fest, daß ich die erste Ausgabe der ersten freien russischen Zeitung seit der Revolution erhalten hatte. Sie hieß: „Jahr der Menschenrechte in der Sowjetunion: Eine Chronik der aktuellen Ereignisse.“ Ihr Motto war ein Zitat aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfaßt die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“ Auf die erste Seite hatte jemand mit Schreibmaschine geschrieben: „Wenn Sie den Inhalt dieser Zeitschrift verwenden, nennen Sie bitte Ihre Quelle nicht, bevor die nächste Ausgabe erschienen ist.“

Seither ist die „Chronik“, wie die, Zeitschrift allgemein genannt wird, überall in der Welt der Sowjetspezialisten bekanntgeworden. Sie ist für ihre Genauigkeit, fürihren distanzierten und akademischen Ton und für die Regelmäßigkeit ihres Erscheinens berühmt: seit dem 30. April 1968 am jeweils letzten Tag, der Monate Februar, April, Juni, August, Oktober und Dezember.

Erfreuliche Lektüre ist sie nicht. Die „aktuellen Ereignisse“, von denen sie berichtet, sind Verhaftungen, Prozesse, Hausdurchsuchungen, KGB-Verhöre, Repressalien, Protestbriefe. Manchmal kommen gleich mehrere Exemplare einer Ausgabe. Manchmal dauert es Monate, ehe eine Ausgabe den Westen erreicht.