Von Ernst Köhler

Die jetzt auch in deutscher Sprache vorliegenden Studien des französischen Strukturalitten

Michel Foucault: „Psychologie und Geisteskrankheit“, aus dem Französischen von Anneliese Botond; es 272, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 132 S., 4,– DM

Michel Foucault: „Wahnsinn und Gesellschaft“ – Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, aus dem Französischen von Ulrich Koppen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 562 S., 38,– DM

über die Beziehungen der modernen Gesellschaft Europas zu ihren geisteskranken Menschen sind bahnbrechend: in ihrer Fragestellung, in ihren Methoden und in ihren Resultaten.

Gewiß, Foucaults Analyse befriedigt nicht immer das empirische Interesse; sie ebnet etwa, wie man eingewandt hat, typische nationale Unterschiede in der historischen Wahrnehmung und Behandlung der Irren allzu sehr ein. Aber diese Untersuchungen spüren doch mit fast bestürzender Sensibilität verborgene, überformte, von Mythen verdeckte, aber historisch massiv wirksame Strukturen des Bewußtseins auf, ziehen sie ans Licht, analysieren sie in einer von der Auszehrung durch Routine und Wissenschaftsbetrieb unberührten, produktiv exzentrischen Sprache.

Foucault demonstriert die Leistungsfähigkeit der „strukturalen“ Forschung, die nicht am Selbstverständnis, an den Ideologien und Rationalisierungsmodellen einer Kultur und Zeit klebt; die sich vielmehr bemüht, an die realen Kategorien des Mit- und Gegeneinanders in einer Gesellschaft, die unterirdischsten Strukturen der Erfahrung“ heranzukommen („Wahnsinn und Gesellschaft“).