Quicksilver Messenger Service: „Shady Grove“; ASD Capitol SKAO-391, 21,– DM

The Steve Miller Band: „Your Saving Grace“; ASD Capitol SKAO-331, 19,– DM

Traumhaft schöne Genrebilder auf den Innenseiten des Plattencovers: Leadgitarrist John Cipollina in der Uniform eines Südstaaten-Kavalleristen am Pokertisch, neben ihm eine mexikanische Schönheit mit lang herabfallendem, schwarzem Haar. Nicky Hopkins am Piano des vergammelten Saloons nahe der mexikanischen Grenze, mißtrauisch um sich blickend, ob wohl gleich hinter ihm eine Schießerei beginne. Bassist David Freiberg, eine Hillbilly-Fiedel in der Hand, schüchtern in die Kamera schauend, als mißtraue er solchen Erinnerungsphotos. Die heroischen Zeiten des Sezessionskrieges mögen längst Vergangenheit sein, aber ihr Mythos lebt in der Musik dieser Landschaft für immer weiter.

Die Titelnummer ihres zweiten Albums „Happy Trails“ wies schon in die Richtung, die der Quicksilver Messenger Service einschlug, nachdem der Gitarrist und Chef-„Messenger“ Gary Duncan vorübergehend die Gruppe verließ: Country Music, die entfernt daran erinnert, daß Bo Diddley einmal im Süden der USA Country Blues spielte.

„Shady Grove“ ist ein Album, das aufs schönste zeigt, wie weit der Einfluß der Country Music im Rock ’n’ Roll immer lebendig geblieben ist. Das Gefühl des déjà vu stellt sich ein, so wie bei den frühen Kurzgeschichten eines Cesare Pavese, welche die Romantik des Outlaw-Pathos von Melville bis Hemingway nicht verleugnen können. Die beste Nummer des Albums, Words can’t say“, brilliert durch eine optimistische Unbeschwertheit.

Star der Platte ist eindeutig Nicky Hopkins, der englische Rock-Pianist und Studiomusiker für die Who, die Rolling Stones, Beatles und Jeff Beck. Von seiner Anwesenheit profitierte auch San Franciscos Steve-Miller-Band, als sie ihr viertes Album aufnahm: „Your Saving Grace“. Dies Album hat eine Qualität, an der man alle guten Rock-Platten fast automatisch erkennen kann: Man achtet zunächst nicht auf die Texte, sondern läßt sich emotional mitreißen; bewundert bei der einen Nummer ein phantastisches Bluesharmonika-Solo, ist auf der nächsten von einem Pianoeinsatz fasziniert, sucht die Autoren der einzelnen Stücke zu identifizieren, bevor man sich die Platte als Ganzes aneignet.

Auf seinen früheren Platten hat Steve Miller fast die komplette amerikanische Populärmythologie zitiert vom literarischen Nationalhelden Rip van Winkle bis zum Baseballstar der letzten Saison. Als work in progress ist auch seine bisher letzte LP zu verstehen. Das überraschendste an „Your Saving Grace“: Sein introvertiert rockender Texas-Blues hat bisweilen sogar frohe Botschaften zu verkünden. Der „Klassiker“ dieser LP aber bleibt der Anti-Armee-und-Politiker-Hymnus „Don’t let nobody turn you round“!

Franz Schöler