Ein Zwischenruf, der an einer besonders schnulzigen Stelle etwas von „Heintje“ meinte, übertrieb nicht. Und was den Dialog anlangt, so hörte man zum Beispiel folgendes: „Sie müssen sich damit abfinden, früher oder später.“ Antwort: „Wieso später?“

Das in Bremen für Deutschland erstaufgeführte „psychedelische Musical“ „Tut was ihr wollt“ stammt im Text von Donald Driver und in der Musik von Hal Hester. Von Driver heißt es im Programmheft, er besitze eine eigene Industrie-Show-Firma, in der er Shows für General Motors, Bell Telephone und andere große Unternehmen produziert. Von Hal Hester heißt es, er habe sich bei einem Besuch in Puerto Rico in Puerto Rico verliebt. Frucht dieser Liebe: ein Swinging Night Club namens „Sand and the Sea“. Zweite Frucht: ein zweiter Club, „Spot in the Sun“. Auch hält er’s mit der Philosophie: „Er sagt, die Handlung sei zwar von Shakespeare, die Botschaft aber McLuhan!“ Das ist, wie man sieht, eine Theorie, deren Praxis Nachtlokale in Puerto Rico sind und Musicals wie „Tut was ihr wollt“.

Es ist nicht schlimm, daß ein Musical Shakespeares Liebesverwicklungen darauf reduziert, daß am Ende alle „richtig liegen“. Will man einen groben Unterschied zwischen dem Musical und der Operette herausschälen, dann ist es der, daß in der Operette die Leute meist dann singend den Mund aufreißen, wenn ihnen das Herz voll ist. Das Musical ist da „gewitzter“: Es spielt mit Vorliebe unter Leuten, die von Berufs wegen singen, handelt also meist von sich selber. Das führt im Falle von „Tut was ihr wollt“ dazu, daß es Viola und ihren Bruder Sebastian nicht an einen Herzoghof verschlägt, sondern unter eine Beatband, die einen fünften Mann sucht.

Schlimmer sind die Gemeinsamkeiten mit der Operette. Die verhökerte andere Länder, andere Sitten als Kitsch-Folklore: Ungarn – das war eine Kreuzung aus Zigeunergeigen-Schluchzen, aus roten, wirbelnd hochgeworfenen Stiefelchen, aus Pußta und „Liebärr Härr!“. China – das war Geheimnis des fernen, unergründlichen Ostens, der Gong als Musikinstrument, die Philosophie des „Immer-nur-Lächelns“.

Nun also ist das Medium die Botschaft, verscherbelt werden die „Jung, voll Schwung“-Klischees der Beat-Jugend, und musikalisch soll man dadurch auf den Leim gehen, daß einem vorgetäuscht wird, ein munter bedientes Schlagzeug sei schon allein ein genügend starker Schutzwall gegen die Schnulze. Was aber wird da gesungen? Viola, die in Illyrien landet, einem Land, das „unsere moderne Welt“ ist, singt klagend, daß es da „So viel Glas, so viel Stahl“ gebe. Und sie fragt bang: „Wo bleibt Gefühl?“

Antwort: Für das Gefühl hat der Massentourismus Nachtbars auf Puerto Rico und sonstwo eingerichtet und Musicals geschaffen, die etwas Wärme in unsere kalte Welt bringen. Denn all diese langhaarigen, exotisch gekleideten, frech und keck tuenden jungen Beat-Musiker, was wollen die schon anderes, als hippyhappy enden, den Bund fürs Leben schließen. Das hat sich, wie die Operette weiß, seit Adam nicht geändert und ist in Shanghai wie in Budapest und Illyrien gleich.

Das jeweils modisch andere wird also wie ein Fetzen über das ständig gleiche gehängt. Driver und Hester gleichen Formgebern, die den Operetten-Motor der Jahrhundertwende mit einer Karosserie des Jahres 1970 versehen wollten: So lassen sie zur Pause und zum Ende das Ensemble „psychodelic“ juchzen. Man merkt ihren Songs, die das ganze Musical-Repertoire abgrasen (da gibt es die Aufstiegsnummer „Ich komme ganz oben an“, es gibt die Schwierigkeiten in der Liebe durch Partner-Ungleichheit, die singend überwunden werden, und es gibt den flotten Ausweis der Zeitgenossenschaft) – man merkt diesen Songs an, daß sie im Grunde zum Beat ein ähnliches Verhältnis haben wie ein Caféhaus-Stehgeiger zur klassischen Musik.