Aus einem Brief, den der sowjetische Atomwissenschaftler, A. D. Sacharow, der Physiker W. F. Türkin und der Historiker R. A. Medwedew an Parteichef Breschnjew, Ministerpräsident Kossygin und das sowjetische Staatsoberhaupt Podgorny schrieben:

„Zu Ende der fünfziger Jahre war unser Land das erste, das einen Sputnik startete und einen Menschen in den Weltraum schickte. Zu Ende der sechziger Jahre verloren wir unseren Vorsprung, und die ersten Menschen, die auf dem Mond landeten, waren Amerikaner. Das Zeitalter der zweiten industriellen Revolution begann, und heute, zu Beginn der siebziger Jahre, können wir sehen, daß wir die Amerikaner nicht nur nicht eingeholt haben, sondern daß der Abstand zwischen den beiden Ländern größer und größer wird.

Was ist geschehen? Warum war es nicht unser Land, das bei der zweiten industriellen Revolution die Initiative ergriff? Warum waren wir unfähig, mit den am stärksten entwickelten kapitalistischen Ländern gleichzuziehen?

Die Quelle unserer Schwierigkeiten ist nicht die sozialistische Struktur, im Gegenteil, sie liegt in jenen Besonderheiten und Bedingungen unseres Lebens, die dem Sozialismus entgegengesetzt und feindlich sind. Die Ursachen (unserer Schwierigkeiten) sind die antidemokratischen Traditionen ... des öffentlichen Lebens, die in der Stalinzeit, in Erscheinung traten und die bis heute noch nicht völlig liquidiert sind.

Informationsfreiheit... ist eine Notwendigkeit für die Intelligenz, sie entspricht der Natur ihrer gesellschaftlichen Aufgaben. Der Wunsch der Intellektuellen nach größerer Freiheit ist legal und natürlich. Der Staat jedoch unterdrückt diesen Wunsch durch Einführung immer neuer Einschränkung gen, durch Druck der Behörden, durch Entlassungen und sogar durch Prozesse. Dieses Verhalten ... löst gegenseitiges Mißtrauen und ein vollständiges, gegenseitiges Unverständnis aus, das es für den Staat und für die aktivsten unter den Intellektuellen schwierig macht, erfolgreich miteinander zu kooperieren. Bei der Situation der gegenwärtigen Industriegesellschaft, in der die Intelligenz eine wachsende Rolle zu spielen hat, ist diese Kluft nichts anderes als selbstmörderisch.

Ein größerer Teil der Intelligenz und der Jugend hat die Notwendigkeit der Demokratisierung erkannt... aber sie können die Aktionen, die aus einer antidemokratischen Haltung entstehen, weder verstehen noch gutheißen. Wie kann man zum Beispiel das Einkerkern oder das Einliefern von Personen in Lager oder Irrenanstalten vertreten, deren oppositionelle Haltung sich innerhalb der legalen Grenzen bewegt?

Demokratisierung ist kein leichter Prozeß. Wir schlagen (daher) das folgende Programm vor, dessen Maßnahmen innerhalb der nächsten vier oder fünf Jahre durchgeführt werden sollten: