Von Lilo Weinsheimer

Berlin

Am Ostersonntag 1970 um 22 Uhr 15 sagte die DDR-Bürgerin Klara K. durchs Telephon: „Ich werde verrückt. Irmchen und Werner, seid ihr das wirklich? Fritz steht neben mir. Er sagt gerade: ‚Schrei doch nicht so, die andern schlafen schon.‘ Ich spreche vom Flur in unserm Heim. Wir dürfen hier telephonieren. Wir waren aus, heute, bei der Cousine eurer Mutter. Die haben eine wundervolle Wohnung im Hansaviertel. Eben kommen wir hier an, da sagt Schwester Agnes: Ihre Verwandten aus dem Westen haben angerufen, die sind über Ostern auch in Westberlin. Woher wißt ihr denn unsere Adresse? Ach ja, ich habe euch ja geschrieben. Wo ist euer Hotel? Am Ku-Damm? Unser Heim ist in Zehlendorf.

Was sagst du, Irmchen – ihr holt uns morgen? Ja, das geht. Übermorgen müssen wir zurück. Euer Patenkind Gerda ist schon 25 und hat drei Kinder. Fritz und ich haben jetzt schon neun Enkel. War bei euch auch so viel Schnee? Ihr habt jetzt sicher einen Mercedes. Wenn ihr uns morgen abholt, möchte ich euch das Heim und unser Zimmer zeigen. Wir haben es wundervoll. Aber ich muß erst Schwester Agnes fragen. Fremde dürfen nicht ins Heim. Ich werde sagen: Schwester Agnes, unsere Verwandten aus dem Westen möchten unser Zimmer mal sehen. Fahrt ihr im Sommer nach Mallorca? Die Aufwartung aus dem Heim fährt im Mai nach Mallorca mit Neckermann für 298 Westmark. Fritz sagt, ich soll erst mal aufhören und mich beruhigen. Schwester Agnes hat erlaubt, wir dürfen nachher noch mal telephonieren.“

Am Ostersonntag 1970 um 22 Uhr 45 sagte der DDR-Bürger Fritz K. durchs Telephon: „Ich habe Klara ins Bett gepackt, die regt sich immer so auf. Schwester Agnes hat erlaubt, ihr könnt morgen reinkommen, wenn ihr uns abholt. Die mag uns gut leiden. Wir sind unauffällig. Ihr holt uns doch bestimmt? Allein gehen wir nicht zum Ku-Damm. Klara sagt, da fallen DDR-Rentner auf. Abendbrot? Gut, wir melden uns hier im Heim ab. Aber nicht ins Restaurant, bitte. Eine Schnitte in eurem Zimmer, das ist besser. Im Lokal kann man nicht reden bei dem Trubel. Und macht keine Umstände.“

Am Ostermontag um 16 Uhr sagte der BRD-Bürger Werner M. in seinem Volkswagen während der Fahrt vom Kurfürstendamm nach Zehlendorf zu seiner Ehefrau Irmgard: „Hör auf zu zittern, Mädchen und bleib auf dem Teppich. Wenn sie aus Niederbayern kämen oder aus dem Odenwald oder von mir aus aus einem Kaff in Amerika, nette alte Verwandte, die man weder furchtbar liebt noch furchtbar haßt, dann würdest du nicht herumzittern und solch ein Zeug vom schlechten Gewissen reden. Verdammt, laß uns doch normal reagieren.“

Klara und Fritz K. saßen im Tagesraum eines karitativen Heimes, als Irmgard und Werner M. zum Abholen kamen. Man fiel sich um den Hals. Klara sagte zu Irmgard: „Du bist schick.“ Irmgard antwortete hastig: „Du auch.“ Die Männer formierten sich lachend: „Weibergeschwätz.“ Schwester Agnes, sagte Klara K., habe frei heute, aber ihre Erlaubnis sei da, wegen der Besichtigung des Hauses. Vorher, sagte Klara, wollte sie vorstellen. Sie rief in den Tagesraum: „Hier ist unser Besuch aus dem Westen.“ Ein paar Männer und Frauen, grauhaarig alle und allein jeder, sahen von den Tischen auf und nickten. Klara gab flinke Kurzberichte: 25 DDR-Rentner verbringen hier ihren Vierwochenurlaub, den die Deutsche Demokratische Republik ihnen einmal im Jahr gewährt; es gibt viele solcher Heime, gute und schlechte. Dies, sagt Klara K., ist ein gutes. „Vor zwei Jahren war ich in einem, das auf deutsch gesagt beschissen war. Überall Dreck, unfreundliche Leitung. Ich habe zu dem Heimleiter gesagt: „Wir sind zwar aus dem Osten, aber Schweine sind wir nicht.“