Von Adelbert Reif

ADELBERT REIF: Welche Ihrer Schriften werten Sie heute als Ihre ideologisch bedeutsamste und einflußreichste?

LUKACS: Ja, darauf ist sehr schwer zu antworten.

Im Grunde genommen sehe ich alle meine bisherigen Schriften als Problemlösungen für mehr oder weniger provisorisch an, aber zugleich auch als mehr oder weniger geglückte Schritte in der Richtung meiner beabsichtigten Erneuerung des Marxismus vom ontologischen Standpunkt, um von dort aus die Marxsche Lehre von der menschlichen Aktivität des Alltags bis zur Ethik im neuen Lichte darzustellen.

Wenn man mich also fragt, welche meiner Schriften ich für die wesentlichsten halte, dann muß ich sagen: Ich halte jene Bücher für die wesentlichsten, die ich noch nicht geschrieben habe.

Sie haben kürzlich in einem Gespräch mit jugoslawischen Marxisten eine Art Bekenntnis abgelegt. Sie sagten: „Ich halte es für richtig, daß ich mich von meinen früheren Standpunkten gelöst habe; ich halte sie jetzt für falsch.“ Besonders die am Marxismus interessierte junge Generation im Westen würde gern konkret erfahren, von welchen früheren Standpunkten Sie sich gelöst haben, welche früheren Standpunkte Sie jetzt für falsch halten.

LUKÁCS: Man muß damit beginnen, daß ich als bürgerlicher oppositioneller Schriftsteller im Grunde genommen von einem utopisch-romantischen Antikapitalismus aus Werke wie „Die Seele und die Formen“ oder wie „Die Theorie des Romans“ geschrieben habe. Um 1918 habe ich meinen Standpunkt geändert und betrachte diese Werke als Produkte einer überlebten Etappe meiner Entwicklung.