Von Thomas v. Randow

Es sitzt noch heute: „Steht ein Minuszeichen vor der Klammer und löse ich die Klammer auf, dann muß ich alle Vorzeichen verändern“, oder: „Zwei r Pi / ist die Peripherie / Pi mal r-Quadrat / ist das, was man im Kreise hat.“ Im Sprechchor haben wir es aufsagen, in Strafarbeiten hundertmal hinschreiben müssen. Mathematik, das war: Regeln auswendig lernen, Kongruenzsätze herleiern, Formeln pauken und vor allem Rechnen. Ob in der Arithmetik, in der analytischen Geometrie, in der – so beliebten – Trigonometrie oder in der Differentialrechnung, stets fand der Lehrer hinreichend Gelegenheit, seine Schüler im Rechnen zu drillen, mit Brüchen, Potenzen, mit Wurzeln und mit den Logarithmen („In der Tafel, Freundchen, wisse, / findest du nur die Mantisse“). Kein Wunder, daß für die meisten Leute Mathematik nichts anderes ist als eine Sammlung von Rezepten, nach denen man allerlei ausrechnen kann.

Mehr als ein Jahrhundert lang haben Hochschullehrer der Mathematik, die in ihren Vorlesungen viel Mühe darauf verwenden mußten, den Abiturienten ihre falschen Vorstellungen von mathematischen Sachverhalten auszutreiben, versucht, mit der Kochrezept-Mathematik in den Schulen aufzuräumen – es war vergeblich. Schule, das hieß in erster Linie pauken, Vokabeln, Regeln, Namen und Daten pauken, danach hatte sich auch die Mathematik zu richten. Daß sich dabei logisches Denken kaum entwickeln konnte, ist keineswegs erstaunlich. „Zweistein“ hat dies bei seiner Korrespondenz über die Logeleien in der ZEIT zur Genüge erfahren; überraschend viele Akademiker, darunter Gymnasiallehrer, Richter und Universitätsprofessoren, begehen elementare logische Denkfehler und halten oft beharrlich daran fest.

Erst Mitte der fünfziger Jahre, als es evident wurde, daß in der Industrie Mathematiker stark gefragt sind, konnten sich – zuerst in Amerika – einige Pädagogen über die Tradition hinwegsetzen und statt Formel- und Rechendrill in der Schule das treiben, was mathematischer Unterricht bewirken soll: zum folgerichtigen Denken anleiten und das Denkmögliche untersuchen lehren. In den Mathematikstunden dominierte fortan nicht mehr das große Einmaleins, sondern logisches Operieren und Abstraktion.

Diese Unterrichtsform griff in den USA rasch um sich; New Math, „Neue Mathematik“, wurde alsbald zum Gegenstand heftiger Diskussion und bissiger Witzeleien („Frage: Warum muß mein Sohn lernen, im System mit der Grundzahl acht zu rechnen? Antwort: Damit er noch rechnen kann, wenn ihm in Vietnam zwei Finger abgeschossen worden sind“).

Inzwischen beginnt sich die Neue Mathematik auch in Deutschland durchzusetzen, zur Freude vieler Kinder – denken macht mehr Spaß als pauken –, aber oft zum Kummer der Eltern. Sie können ihren Töchtern und Söhnen nicht mehr bei den mathematischen Hausaufgaben helfen. Und mit Sorge vermerkt der Vater, daß sein Filius, dem schon der Bart zu wachsen beginnt, noch nicht einmal Quadratwurzeln ziehen kann, was manch gestandener Humanist noch so gut in Erinnerung hat wie den a.c.i.

In einigen Schulen haben Mathematiklehrer Kurse für Eltern eingerichtet, doch die meisten Mütter und Väter hatten bislang keine Möglichkeit, sich über die Neue Mathematik zu informieren. Darum ist das Buch von