Mit Trauer und Empörung ist in der Bundesrepublik die Nachricht von der Ermordung des deutschen Botschafters in Guatemala, Karl Graf von Spreti, aufgenommen worden. Die Bundesregierung reagierte auf das politische Verbrechen mit dem „Einfrieren“ der diplomatischen Beziehungen zu der mittelamerikanischen Republik.

In einer Erklärung zu der Ermordung des Botschafters versicherte Bundesaußenminister Scheel, die Bundesregierung habe bis zuletzt auf allen Wegen versucht, die Freilassung Spretis aus den Händen der Entführer zu erreichen. Die Bundesregierung bedaure zutiefst, daß der Botschafter ein Opfer der grausam geführten innenpolitischen Auseinandersetzungen Guatemalas gewordensei. Bundeskanzler Brandt, der sich in Texas aufhielt, zeigte sich von der Todesnachricht aus Guatemala-City zutiefst erschüttert. In einer Erklärung des Kanzlers hieß es: „Ich teile die Trauer seiner Familie um einen Mann, den ich persönlich hoch geschätzt habe und der seinem Vaterland sowohl als Abgeordneter des Deutschen Bundestages wie als Botschafter auf mehreren Posten aufopferungsvoll gedient hat.“ Der Bundeskanzler bezeichnete Graf von Spreti als unschuldiges Opfer der innenpolitischen Auseinandersetzungen in Guatemala. Wörtlich erklärte Brandt: „Die Formen dieser Auseinandersetzungen, deren die Regierung von Guatemala nicht Herr werden kann, haben nun in dem Verbrechen an dem deutschen Botschafter gegipfelt. Die Regierung von Guatemala hat sich außerstande gezeigt, den erforderlichen Schutz der bei ihr akkreditierten diplomatischen Vertreter zu gewährleisten.“

Karl Graf von Spreti, der am Dienstag der vergangenen Woche von Mitgliedern der „Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte“ (FAR) entführt worden war, wurde am späten Sonntagabend in einer verfallenen Hütte, 19 Kilometer außerhalb der guatemaltekischen Hauptstadt, tot aufgefunden. Die Regierung Guatemalas hatte es trotz wiederholter Drohungen der Entführer, den Botschafter umzubringen, abgelehnt, die Forderungen der FAR nach Freilassung von 22 politischen Gefangenen und Zahlung von umgerechnet 2,5 Millionen DM Lösegeld zu erfüllen, obwohl sich die Bundesregierung in Bonn bereit erklärt hatte, selbst das Lösegeld zu bezahlen.

Der amtliche Leichenbeschauer in Guatemala stellte fest, daß Graf Spreti durch einen Schuß hinter das rechte Ohr getötet worden sei. Der Tod sei offenbar sofort eingetreten. Als der Botschafter gefunden wurde, hielt er seine Brille in der Hand, was nach Ansicht des Leichenbeschauers darauf hindeutet, daß der Schuß ihn unversehens getroffen habe.

Die sterblichen Überreste des Botschafters sollen am Samstag in einer Bundeswehrmaschine in die Bundesrepublik übergeführt werden. Bundesaußenminister Scheel begibt sich am Donnerstag nach Guatemala, um der dortigen Regierung die Haltung und die Konsequenzen der Bundesregierung zu den Vorgängen darzulegen.

Die CSU hat inzwischen der Bundesregierung vorgeworfen, sie habe sich nicht mit allem Nachdruck für die Freilassung des Botschafters eingesetzt.