Calder einmal anders präsentiert – nicht monographisch oder photographisch, sondern "fotoskopisch". Ein spanischer Verleger hat sich das "Fotoscop" einfallen lassen, einen neuen Buchtyp, eine neue Art, Kunst auf den Markt und an den Mann zu bringen. Fotoscop geht von der Annahme aus, daß Kunstbücher eh nicht gelesen werden, es macht die Lenguaje Visual, die Sprache des Sehens zum Programm (alle Textpassagen sind spanisch, französisch, englisch und deutsch). Zuständig für die Sprache des Sehens ist der Photograph. "Fotoscop" ist die Umschreibung für ein Photobuch, bei dem der Photograph selbstherrlich und willkürlich mit dem Künstler und seinem Werk umspringen kann. Er kann im Falle Calder das Werk auch völlig aus dem Auge verlieren. Der Band –

"Calder – Fotoscop", Text von Peter Bellev, Photos von Clovis Prevost, herausgegeben von J. Prats Vallès; Verlag A. & G. de May, Düsseldorf/Lausanne; 52,– DM

enthält Mobiles und Stabiles in Farbe und in Schwarzweiß, im Atelier und im Freien, einzeln oder in Gruppen. Er enthält aber auch wunderschöne Aufnahmen aus dem Zirkus – den Dressurakt der Elefanten, Luftakrobaten bei der Arbeit, ein Seelöwe robbt über die Leiter. Vielleicht denkt der Photograph, die Aufnahmen könnten dem Betrachter auf die Sprünge helfen, vielleicht will er eine Eselsbrücke, bauen. Aber er hat auch ein paar schöne Landschaften in das Buch hineingenommen, die mit Calder überhaupt nichts zu tun haben und offenbar nur dazu da sind, das Soll von 120 Aufnahmen zu erreichen. Diese 120 Aufnahmen sind zwar durchlaufend numeriert, aber zu einem Verzeichnis der Abbildungen hat der Verlag sich nicht entschließen können. Nichts erfährt man über die Arbeiten, weder Titel noch Entstehungsjahr noch Standort, und das ist für Leute, die sich für Calder und nicht bloß für schöne Photos interessieren, schon recht ärgerlich. Das viersprachige Vorwort bietet statt Informationen. Verse von Eluard und einen poetischen Zwischentext. "Im Auge Calders spiegelt sich das Blau eines wolkenlosen Himmels, der gleichsam seine Bildfläche, sein Arbeitsfeld ist. Der Tag und die Nacht sind wie Sprungbretter, von denen aus er seine visuelle Musik in den Kaum hinaufwirft."

Das ist nicht die dem "Fotoscop" angemessene "Sprache des Sehens", sondern gelinde gesagt eine Unverschämtheit gegen den Leser und gegen Calder. Gottfried Sello