Der Woyzeck, den Fritz Lichtenhahn in der Inszenierung von Niels-Peter Rudolph am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg spielt, ist ein Unbehauster, ein Fremdling, ein Einsamer – einer, dessen Schicksal als existentielles zu begreifen zunächst gar nicht so abwegig erscheint.

Dieser Woyzeck blickt mit großen, angestrengt stierenden Augen aus seiner Welt heraus, an den Gegenständen, den Menschen vorbei – und wenn sein Blick etwas fixiert, sieht er etwas, das ihn entsetzt (Maries Ohrringe zum Beispiel). Er wendet krampfhaft den Kopf hin und her, um zu hören, wie es aus der Leere zu ihm spricht. Er denkt unter hochgezogenen Augenbrauen, mit gerunzelter Stirn, schweißtriefend aus seinem kahlgeschorenen Schädel – den er manchmal mit der Hand bedeckt, sich schützend und die Gedanken herausquälend zugleich. Es spricht aus ihm, die Lippen formen die Worte immer wieder, ehe der gepreßte Atem sie entläßt. Die Hände, überlang aus den zu kurzen Ärmeln ragend, krampfen, sich ineinander verzahnend, um Ausdruck; die Finger, an die Nase gelegt oder sich gegenseitig aus den Gelenken zerrend, suchen zu zeigen, was die Sprache umschreibt und was das Bewußtsein bereits verrückt hat: die Fremdheit zwischen Woyzeck und seiner Welt. Die Füße in den klobigen Soldatenschuhen hängen verquer in der Luft, wenn er beim Doktor auf dem Bett sitzt und zu erklären versucht, daß er „so ne Struktur“ hat. Die langen Beine in den langen Röhrenhosen lassen ihn über die Szene hasten, aus ihr heraus, fort.

Man sieht: Dieser Woyzeck hat keine Gegenwart, keinen Boden unter den Füßen, keine gesicherte Wirklichkeit – dieser Woyzeck ist verrückt. Und deshalb sucht er nach Halt, sucht zu sich zu kommen, bei sich zu bleiben: Die Hände krallen sich in die Hosenbeine, er klammert sich an den Sitz, von dem er zusehen muß, wie der Tambourmajor seine Marie betanzt, er hält sich an das Gewehr, als ihn beim Wachestehen die Gesichte überkommen. Es ist, als hielten die Hosenträger das Existenzminimum dieser Gestalt zusammen – und so reißt ihm der Tambourmajor auch die Träger ab und die Hose auf, um ihn endgültig kaputt zu machen.

Diesen seinen Woyzeck spielt Lichtenhahn mit einer genau kontrollierten, nie zum „Ausdruck“ abrutschenden Nachdrücklichkeit, mit artistischklinischer Genauigkeit (und die ganz helle, ganz leere Bühne von K. E. Hermann setzt dabei noch jede seiner Fingerbewegungen dem Blick des Zuschauers aus). Lichtenhahn kann es sich sogar leisten, seine Gestalt für Sekunden in den Klauen des Doktors zum Bild des gekreuzigten Schmerzenmannes gerinnen zu lassen: Realistik, Expressivität, Symbolkraft der Äußerungen dieser Figur sind insgesamt geprägt von einer ästhetischen Intelligenz, die eine Rolle in Haltungen zerlegt und diese Haltungen vorweist. Doch beim Vorzeigen bleibt es nicht: die Analyse der Gestalt legt einen archimedischen Punkt frei, von dem her sie sich wieder synthetisieren läßt, von dem sich theatralisch zeigen läßt, warum Woyzeck so wurde, wie er da ist. Die Szenen, in denen Lichtenhahn das gelingt, sind die mit dem Hauptmann und dem Doktor. Da zeigt sich, daß der ungeheure Druck, der den Woyzeck zusammenpreßt und selbst in den Szenen mit Marie so verkrampft, verzerrt, verquer macht, nicht Ausdruck einer „allgemein-menschlichen“ Situation ist, sondern konkrete Ursachen hat: die Woyzecksche Grundhaltung ist das Strammstehen – Füße zusammen, Hände an die Hosennaht, Kopf aufmerkend vorgereckt. So hat man ihn dressiert, so sagt er sein „Jawohl, Herr Hauptmann“, sein „Jawohl, Herr Doktor“. Und gerade, wo Lichtenhahns Woyzeck am existentiellsten getroffen ist, nimmt er diesen Gehorsamsgestus ein: wenn ihn der Hauptmann mit Maries Untreue verhöhnt, versucht er mehrfach seine militärische Haltung zu aufbegehrendem Protest umzusetzen – und immer wieder zwingt es ihn zurück in seine Grundhaltung: Füße zusammen, Hände an die Hosennaht...

Da wird sichtbar, wie ein gesellschaftliches System, das die Freiheit (der Doktor) und das Gute (der Hauptmann) im Munde führt, benutzt wird, um Herrschaft auszuüben. Nicht der Mensch steht da zur Debatte, sondern der Soldat Woyzeck wird von einem Terrorsystem zerstört. Es wird sichtbar: die politische Ursache eines existentiellen Schicksals. Und noch der Versuch, sich selbst zu behaupten, gerät diesem Woyzeck gezwungen, zeigt ihn unfrei: Ganz fürchterlich gepreßt klingen die paar Töne, die er vor sich hinpfeift, um den Hohn des Tambourmajors zu überspielen, ganz fürchterlich grotesk ist die Staksigkeit, mit der er vor diesem Pfeifen sein Bein herangezogen hat, so in einer kleinen Geste fürchterlicher Hilflosigkeit seine Ohnmacht zusammenraffend.

Schließlich wird am Ende nicht Schuld verteilt, sondern Ursache und Wirkung werden aufeinander bezogen: Der Unterdrückte, bis zum Irrsinn Entfremdete schlägt um sich; und das ist der letzte Triumph des Terrors, daß Woyzeck nicht gegen die Unterdrücker, sondern gegen sich selbst losschlägt – den Mord vollzieht Lichtenhahns Woyzeck keineswegs als irgendwie geartete Befreiung, sondern zwanghaft. Nicht ein Schicksal „erfüllt“ sich da, sondern im Zerbrochenwerden eines Individuums wird ein terroristisches System bloßgelegt.

(Wer glaubt, die so gesehene Figur des Soldaten Woyzeck sei von lediglich historischer Relevanz, der lese den Bericht in einer der letzten Nummern des „Stern“ über die Ausbildung der US-Ledernacken – und sehe die Photos dazu an.)

Volker Canaris