Die Faszination des Unabwendbaren

Von Ernst Hornickel

Das am materiellen Erfolg orientierte Wertmaß einer zeitgenössischen industriellen Konsumgesellschaft hat sowohl vom Aktiven als auch vom Passiven her eine andere Einstellung zum Fußballspiel bewirkt, als sie noch zwischen den beiden Weltkriegen bestand. Zwar blieb die Achtung vor traditionellen Bindungen im Sport lebendiger als in anderen Lebensbereichen unserer Zeit; aber die Spitzenmannschaften gerade der traditionsreichsten Vereine werden zusehends mehr ein Staat im Staate, der zwar noch den alten sportlichen Reglements verpflichtet ist, aber längst das Profil von Unternehmungen der freien Wirtschaft angenommen hat.

Man kauft Spieler ein und bietet das Spiel dieser Spieler einem ganz neuen, konsumgewohnten Publikum an. Der Käufer gibt sich kauflustig oder zurückhaltend, immer nach dem ewigen merkantilen Gesetz von Angebot und Nachfrage. Manche Spiele sind ausverkauft, noch ehe sie beginnen, manche bringen noch nicht einmal ihre Unkosten ein. Gewiß konnte man den Fußball der Spitzenklasse schon immer so merkantil betrachten, aber jetzt ist er so!

Sein oder Nichtsein

Der konsumgewohnte Zuschauer unserer Tage kauft Leistung, wenn er seine Eintrittskarte löst. Er ärgert sich nicht nur wie in früheren Jahren über die mangelnde Form oder Einsatzfreudigkeit eines Spielers, sondern er ist empört, er fühlt sich betrogen. Er verlangt von einem Spieler, der für seine sportliche Arbeit bezahlt wird, Kondition und Einsatzwillen von der ersten bis zur neunzigsten Minute. Eine schlecht gemanagte Bundesliga-Mannschaft, die entweder nicht rechtzeitig oder falsch „eingekauft“ hat, die nicht den richtigen Trainer zur richtigen Zeit entläßt oder engagiert und die infolgedessen auf spektakuläre Einnahmen verzichten muß, steigt unweigerlich ab und verliert damit den Kontakt zum großen Publikum, was jedesmal einer schweren wirtschaftlichen Erschütterung gleichkommt.

Andererseits kann sich ein Klub der höchsten Spielklasse auf den unbedingten Einsatzwillen seiner Spieler viel mehr verlassen als in früheren Jahren: Auch für die „Kanone“ ist heute die Sorge um die bestmögliche seelische und körperliche Kondition keine Frage des guten Willens mehr, sondern eine, die sich zwischen Daumen und Zeigefinger entscheidet. Ein Lizenzspieler – er kann auch „Voll-Professional“ sein – rutscht unweigerlich in die Reserve ab, wenn er die geforderte Bestform nicht bringt, falls sein Vertrag überhaupt erneuert wird. Das aber bedeutet auch für ihn Verzicht auf die oft sehr beachtlichen Siegesprämien der ersten Mannschaft oder eine noch erheblichere Verschlimmerung seiner wirtschaftlichen Lage.