Von Alexander Adrion

Man muß die Erscheinungen mit Händen greifen, wenn man nicht getäuscht sein will.“

Cervantes

Der Rosenheimer Spuk des Jahres 1967 ist noch nicht vergessen und fordert erneut Stellungnahmen heraus. Diesmal im Landgericht Traunstein. Wir erinnern uns an die Meldungen über sich selbsttätig öffnende Schubladen, über Schreibtische, die im Büro des Rechtsanwalts Sigmund Adam ihren Platz wechselten, über an den Wänden kreisende Bilder, die schließlich, wie von Geisterhand abgehängt, krachend herniederstürzten, über Telephone, die alle zugleich klingelten, über Sicherungen, die plötzlich durchknallten. All das jedoch geschah nur, wenn die Büroangestellte Annemarie Schaberl, damals neunzehn Jahre alt, zugegen war.

Warum nun neuer Wirbel um diese Dinge, zweieinhalb Jahre danach, wo doch dieser „personengebundene Spuk“ längst vergessen schien? Vor einigen Monaten kam ein Buch des Autorenteams Allan/Schiff/Kramer mit dem Titel: „Falsche Geister – echte Schwindler“ auf den Markt. Es enthielt eine kritische Stellungnahme über die „Geisterschaukel von Rosenheim“, worin man zu dem Ergebnis kam, die Öffentlichkeit sei durch Tricks verschaukelt worden.

Die Autoren hatten nämlich die Anwaltspraxis besucht und dort einige Entdeckungen gemacht: einen Nylonfaden, zum Beispiel, hatten sie gefunden, der an einem Kettenglied jener Lampe befestigt war, die wiederholt in selbsttätige Schwingbewegungen geraten war; „auch an einem Drahtgestell, das einen besonders springfreudigen Wandteller trug, befand sich ein Nylonfaden“. Hinter einem Regal fand sich ein Gummiknüppel, was den Verdacht nährte, hier sei dem vermeintlichen Spuk akustische Nachhilfe gewährt worden. Und von Rechtsanwalt Adam hieß es: „Er liebt seine Geister! Er läßt sich seinen Spuk nicht nehmen. Er ist aufs Okkulte abonniert.“

Weil das dem Rechtsanwalt nicht paßte, weil eine einstweilige Verfügung nicht gewährt wurde, macht sich nun eine zweite Kammer in Traunstein (eine erste Kammer bezeichnete sich als befangen) auf den labyrinthischen Pfad der Wahrheitssuche.

Einige Peinlichkeiten sind in Traunstein schon passiert: Sachverständige sollten ihre Meinung vortragen, kamen aber nicht dazu, so der Physiker Zicha und Professor Hans Bender, Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg. Bender kam schon am 1. Dezember 1967 nach Rosenheim, um den Schauplatz der sonderbaren Ereignisse und die in sie verwickelten Personen kennenzulernen. In einem Rundbrief zum Neujahr 1968 brachte er die Geschehnisse, vor allem die abnormen Stromstöße im Starkstromnetz, die unerklärbaren Knallgeräusche und zerberstenden Beleuchtungskörper in der Anwaltspraxis auf diese Formel:

„Des Rätsels Lösung: Die Ausschläge hatten nichts mit Stromänderungen zu tun, sondern erwiesen sich als psychokinetische Bewirkung. Spontane Psychokinese ist damit zum ersten Mal objektiv registriert worden. Das Medium ist eine 19jährige Büroangestellte, die demnächst nach Freiburg zur Untersuchung kommen wird. Für unser Institutsteam ist dieser. Fall ein ermutigender Start in das neue Jahr ...“

Wann immer ein paranormales Phänomen ins Gespräch kommt, werden sich zwei stellungnehmende Parteien bilden. Okkultgläubige und Anti-Okkultgläubige stehen sich dann feindselig gegenüber, und jeder Personenkreis wirft dem anderen Blindheit oder gar Böswilligkeit vor. Die Kontroversen werden nicht besser dadurch, daß Wissenschaftler um Stellungnahmen bemüht werden, denn ihre Urteile werden im nachhinein abgegeben und hängen ebenso wie die Wahrheitsfindungen der Richter von Zeugenaussagen und Schauplatzuntersuchungen ab. Dann aber hat sich das „Phänomen“ verflüchtigt; es stellt sich nie dann ein, wenn die kritischen Köpfe beider Parteien zugegen sind.

Hans Bender stellte einmal die typischen Merkmale der Okkultgläubigen und der Anti-Okkultgläubigen zusammen (in Formen der Einstellung zur Parapsychologie“, 1964), und er zeigte, wie sehr beide Gruppen von affektgeladenen Vorentscheidungen abhängen. Es kommt zu mangelhaften Urteilen, weil die Informationen nicht ausreichten oder eine Auswahl des vorhandenen Materials unter vorgegebenen Gesichtspunkten stattfand. Von den Okkultgläubigen sagt der Parapsychologe Bender, ihnen hafte – ein primitives Niveau vorausgesetzt – eine oberflächliche Wundersucht an. Auf höherer Ebene wirke es sich als übersteigertes Analogie- und Bewirkungserleben aus, um schließlich, an den Grenzen des religiösen Wertgefühls, alles „okkult“ Anmutende als „Botschaft von Drüben“ aufzufassen und die wissenschaftliche Erforschung der in Frage stehenden Erscheinung als eine Art Sakrileg anzusehen.

Die sich den Richtern in Traunstein stellende Frage, ob der Rechtsanwalt Adam dem Spuk Tricknachhilfen geliefert oder mögliche Täuschungsabsichten von anderer Seite gebilligt habe, hängt primär von der Frage ab: Sind bei unerklärbaren Ereignissen klare Einsichten darüber zu erlangen, ob im Einzelfall getrickt wurde oder ob jegliche Form der Manipulation ausgeschlossen werden kann? Der Trickfall gehört dann vor Gericht, wenn eine betrügerische Absicht offenbar ist – wie zum Beispiel bei jener Spezies spiritistischer Sitzungen, bei der Teilnehmer von dem sich offenbarenden (aber in Wirklichkeit künstlich in Szene gesetzten) Geistwesen zu kriminellen Taten angeregt werden.

Wissenschaftler, vollkommen zu Hause in ihrem Fach als Physiker, Chemiker oder Psychologen, betreten unsichersten Boden, wenn sie mit Tricks konfrontiert werden, die ein Wunderbewirker raffiniert kaschiert und als Ergebnis höheren Wissens, eines vielleicht ihm selbst unbegreifbaren Kontaktes mit einer uns noch nicht aufgeschlüsselten Wirklichkeit darstellt.

Um Diskussionsunterlagen für eine Wissenschaftlertagung (Thema: Wunder, Magie und Seelsorge) zu liefern, spielte ich mich einmal in die „okkulte Rolle“ hinein und führte verschiedenste Experimente aus dem Komplex Hellsehen, Gedankenlesen, Vorherwissen vor. Ein Theologieprofessor stellte nach einemExperiment, bei dem er assistierte, fest: „Sie haben mich in einen wachhypnotischen Zustand versetzt, in dem meine freie Entscheidungsmöglichkeit reduziert war.“ Keineswegs! Ein allerdings erstaunliches Kartenexperiment, das ich schon als 16jähriger vorführte, hatte ihm wegen der Unerklärbarkeit und aus wissenschaftlicher Selbstrechtfertigung diesen Fehlschluß nahegelegt. Eine sonst sehr kritische Medizinerin behauptete nach einem Gedankenleseexperiment: „Ich fühlte, wie sie mein Unbewußtes angezapft haben.“ Das warnicht des Rätsels Lösung – ich hatte mir auf dem Umweg einer Handfertigkeit ihre auf einen Zettel geschriebenen Gedanken „angeeignet“ und lediglich mit viel Dramatik den Inhalt des Gelesenen hervorgebracht.

Nein, die kritischsten Köpfe können nicht wissen, wo eine Täuschung ansetzt, wenn sie nur raffiniert genug eingefädelt wurde: „Ich habe entdeckt, daß es um so leichter ist, einen Menschen zu mystifizieren, je größer sein Verstand und je mehr er studiert hat“, meinte Harry Houdini, der um 1920 so manches Medium entlarvte.

Wenn sich jemand die Augen verbinden läßt, macht er einen Trick. Es gibt die unterschiedlichsten Methoden, den Trick anzusetzen. Eben kommt mir die Liste einer New Yorker Spezialhandlung für Zauberartikel auf den Tisch, die ein Experiment mit einer Augenbinde anbietet, bei dem man „volle Sicht für die Augen behält, nachdem diese mit undurchsichtigem Material verbunden wurden“. Mein englischer Bekannter Will Dexter hat ein ganzes Buch mit dem Titel „Sealed Vision“ veröffentlicht, in dem die unwahrscheinlichsten Möglichkeiten, sich trotz jedweder Augenbedeckung (sie können bis zu dicken Säcken und übergestülpten Metallgefäßen reichen) sicher zu. bewegen und die Inhalte von Briefen und so weiter zur Kenntnis zu nehmen, erklärt werden.

Auch Rainer Maria Rilke hatte einmal ein derartiges Erlebnis. Er teilte es seiner Sekretärin, Marga Wertheimer, mit. Sie berichtete späten Er hat in Paris eine Frau gekannt, der man die Augen so verbunden habe, daß es ihr unmöglich gewesen sei, irgend etwas zu sehen. Mit dieser Frau stand er einmal an einer belebten Straße. Die Frau habe die Nummern der vorbeisausenden Autos ganz genau fehlerlos sagen können. Auch diese Frau habe also, beendete Rilke das Gespräch, die Nervenschwingungen derjenigen Sphäre, in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft allgegenwärtig sind, besessen. Also auch Rilke fiel auf den Trick mit der Augenbinde herein, und seine Schlußfolgerungen haben noch nicht einmal hypothetischen Wert, weil Wahrgenommenes zu einem falschen Denkschluß verleitete.

Nicht ein Experiment, das Spiritisten, Okkultisten, Hellseher, Telepathen gezeigt haben, könnte nicht auch von einem auf die „mentale Magie“ spezialisierten Zauberkünstler dargeboten werden. So enthält die Geschichte der okkulten Erscheinungen ein schillerndes Sammelsurium von Täuschungspraktiken, was auch den Parapsychologen bekannt ist. Dennoch gibt es ihrerseits einen Katalog voreiliger Stellungnahmen, weil sie nur die Außenseite der Phänomene kennen konnten. Nur wenige Fälle seien hier genannt:

Sir Conan Doyle, ein ebenso enthusiastischer wie unkritischer Spiritist, bescheinigte dem als „Die Zancigs“ auftretenden Hellseherehepaar, daß sie okkulte Kräfte hätten. In Wirklichkeit waren sie Trick-Hellseher von hohem artistischem Rang. Conan Doyle verbürgte sich auch für die „Echtheit“ des Mediums Nino Peccaro. Kurze Zeit später erklärte Peccaro öffentlich, daß er nur mit Trick gearbeitet habe.

Conan Doyle, der dem von ihm erdachten Sherlock Holmes viel Scharfsinn mitgegeben hatte, war auch überzeugt, der Entfesselungskünstler Harry Houdini würde seine Befreiungskünste durch „Dematerialisation“ vollbringen. „Ja, Sie haben mich zum Okkulten getrieben! Meine Vernunft (!) sagt mir, daß Sie diese wundervolle Gabe (der Dematerialisation) besitzen, denn es gibt keine Alternative.“

Der englische Chemiker Sir William Crookes publizierte seine Conversion zum Spiritismus, nachdem er Séancen mit Anna Eva Fay erlebt hatte. Das „Medium“ jedoch bekannte später, Crookes sei vollkommen ihren Tricks aufgesessen.

Dr. Albert von Schrenck-Notzing kann eine beträchtliche Liste von Fehlurteilen an seinen Namen heften. Über die „odisch-fluidalen Greifarme, die ein Medium im Trancezustand bildet, die sich ansammeln und verdichten können und damit Bewegungen von Gegenständen hervorrufen“ lächelt man heute, und niemand würde diese Erklärung für die Rosenheimer Vorkommnisse mehr heranziehen. Bert Reese wurde von demselben Forscher, der Riesensummen ausgab, um Medien und Hellseher zu testen, als mit unbekannten okkulten und mentalen Kräften ausgestattet bezeichnet, wovon auch Thomas A. Edison überzeugt war. Aber Reese war nur ein genialer Trickhellseher, der mit einem einzigen Kniff, einem Zettelvertauschgriff, arbeitete, die Großen seiner Zeit bluffte und gutdavon lebte. Der vor einem Jahr in München verstorbene Graf Carl von Klinckowstroem entlarvte ihn als gewöhnlichen Schwindler, der seine Taschenspielerkunst ausbeutete, um die Menschen irrezuführen.

Die vorkommenden Betrugsfälle, und das ist aufreizend, werden von Okkultgläubigen elegant wegerklärt. Medien, so sagen sie, könnten gelegentlich unbewußt betrügen, weil ihnen die deutliche Täuschungsabsicht fehle: die unbewußten Abläufe unterstehen nicht der Kontrolle der bewußten sittlichen Persönlichkeit und können daher nicht mit dem gleichen Maßstab wie unsere bewußten Handlungen gemessen werden. Durch unbewußten Betrug werden die Phänomene nicht echter, aber immerhin kann man dem auf diese Weise schwindelnden Medium mangels böser Absicht keinen sittlichen Vorwurf machen. Nicht ein Medium, das betrügt, ist verdächtig, sondern eines, das nie betrügt, meinte einmal Rudolf Tischner, der ein Leben mit der Erforschung parapsychischer Erscheinungen zubrachte.

Medien haben oft betrogen, „wenn es nicht anders ging“. Jenseitsforscher versuchten sich in allen möglichen Formen der Sicherung, von denen das größte Arsenal der Engländer Harry Price hervorbrachte, der nicht nur als „Geisterjäger“ gefürchtet war, sondern in einer sonderbaren Art dialektischer Umschaltung in den letzten Jahren seines Lebens zwei Bestseller über das uralte Pfarrhaus von Borley in Sussex schrieb, das er zu dem am heftigsten von Spukerscheinungen heimgesuchten Haus Englands erklärte und dafür auch Beweise erbrachte – bis sich 1958, zehn Jahre nach dem Tode von Harry Price, diese ganze, weltweit beredete Geschichte durch die Untersuchungen dreier Experten der Society for Psychical Research (Dingwall, Hall und Goldney) als Lügenmärchen, als pure Erfindung des von den Medien und Hellsehern so gefürchteten Mannes entpuppte.

Täuschungen auf der ganzen Linie? Natürlich nicht. Und hier sollte nicht etwa ein alles wegerklärender Standpunkt bezogen werden, sondern nur eine Vorfeldfrage behandelt sein. Denn wie könnte Gerechtigkeit geübt werden, wenn nur ein geringer Zweifel an der Authentizität der Vorkommnisse besteht. Erst wenn diese weggeräumt sind, schlägt die Stunde der Parapsychologen.

Marga Wertheimer gab einmal einen Bericht über die Pseudo-Seance eines Wiener Physikprofessors an Rainer Maria Rilke weiter. Vor den eingeladenen Spiritisten geschah alles, was sie gern hatten: Geistersehen, Schwingen einer Gitarre durch den Raum, Bilderbewegen von einer Wand zur anderen. Man war begeistert. Daraufhin habe der Professor der Gruppe gezeigt, wie er alles auf rein physikalischer Basis gemacht habe. Rilke reagierte darauf in seinem Antwortbrief so: „... es ist erstaunlich, wie weit das Getäuschtwerden kann getrieben werden: ein Beispiel wie das jener Séance verpflichtet zur genauesten Vorsicht, widerlegt aber am Ende doch nicht die Möglichkeit wirklicher Vorkommnisse solcher Art, sonst müßte ja auch eine täuschend in Wachs nachgeformte Rose den Beweis leisten, daß es keine Rosen gäbe.“