Wegen angeblicher Unzurechnungsfähigkeit ist der 62jährige sowjetische Generalmajor Pjotr Grigorenko vor einigen Wochen von einem Taschkenter Gericht in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden. Der im 2. Weltkrieg hochdekorierte Offizier war den sowjetischen Behörden seit langem ein Dorn im Auge. Er protestierte in Moskau öffentlich gegen die Verurteilung sowjetischer Schriftsteller, gegen Willkür, Ungerechtigkeit und Grausamkeiten sowjetischer Staatsorgane, gegen das Wiederaufleben stalinistischer Methoden. Anfang Mai letzten Jahres wurde Grigorenko in Taschkent verhaftet. Er wollte dort gefangenen Krimtataren beistehen, die wegen Teilnahme an Demonstrationen vor Gericht standen. Im folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus den Taschkenter Aufzeichnungen Grigorenkos. Für die Echtheit dieser Dokumente bürgt das norwegische SMOG-Komitee, das sie von der Ehefrau des Generals erhalten hat. In einem Brief schreibt sie: „Meinem Mann steht die Hölle bevor... Er hat niemals gegen die Sowjetunion agiert, er ist nur offen und furchtlos gegen die Folgen des Stalinismus in unserm Lande aufgetreten...“

Ich teile Rusmetow (Staatsanwalt der Usbekischen SSR) mit, daß ich vom 13. an in den Hungerstreik trete. (11. 6. 1969)

13. 6. Ich weise das Essen zurück.

15. 6. Beginn der Zwangsernährung. Ich wundere mich, warum die Zwangsernährung soschnell erfolgt, begriff aber, daß man meinen Widerstand sofort brechen wollte. Während man mir die Zwangsjacke anzog, wurde ich geschlagen und gewürgt. Dann begann die qualvolle Prozedur, das Einsetzen eines Sperrapparates in den Mund.

16./19. 6. Täglich wiederholt sich die Prozedur der Zwangsernährung. Ich wehre mich, so gut ich kann. Ich werde immer wieder geschlagen und gewürgt, die Hände werden mir verrenkt, man schlägt mich bewußt auf mein verwundetes Bein. Besonders bestialisch behandelte man mich am 17. 6., dem Tage, an dem die Dokumente der Internationalen Konferenz der kommunistischen Parteien und der Arbeiterparteien in Moskau unterzeichnet wurden. Bei der Gewaltanwendung gegen mich tun sich Beamte des Lefortowskij-Gefängnisses hervor, die eigens von Moskau hierher geschickt worden sind. Nach jeder Prozedur der Zwangsernährung habe ich in Eingaben die bestialischen Methoden beschrieben.

17. 6. Ich habe eine Erklärung geschrieben, daß die Fortführung des Hungerstreiks meinen Protest gegen die bestialische Art, in der mit mir umgegangen wird, bedeutet.

18. 6. Ich habe aufgeschrieben, wen man für meinen Tod verantwortlich machen muß. Nach diesen beiden Erklärungen haben die Bestialitäten aufgehört. Man hat sich damit begnügt, mich mit Gewalt in die Zwangsjacke zu stecken. Die Zahl der Personen, die mich bei dieser Prozedur festhalten, hat sich von anfänglich fünf auf zwölf Mann gesteigert. Der Kampf dauerte lange, und gewöhnlich fiel ich mit furchtbaren Herzschmerzen um. Ich fuhr fort, mich immer beharrlicher zu wehren, in der Hoffnung, daß das Herz es nicht aushalten würde. In meiner Qual wünschte ich meinen Tod und rechnete damit, daß er dazu beitragen würde, die Willkürhandlungen zu entlarven.