Zahlreiche Spekulationen hat unter westlichen Beobachtern in Moskau die Tatsache ausgelöst, daß in den letzten Tagen fast die gesamte sowjetische Führungsspitze der Öffentlichkeit ferngeblieben ist. Als Parteichef Breschnjew am Wochenanfang von einem offiziellen Besuch in Ungarn zurückkehrte, erschien zu seiner Begrüßung entgegen den sonstigen Gepflogenheiten keiner der prominenten sowjetischen Politiker. Wie es in Moskau dazu hieß, sind mehrere Mitglieder der Spitzengruppe des Politbüros erkrankt:

  • Ministerpräsident Kossygin (66) soll mit Komplikationen, die sich nach einer Grippeerkrankung eingestellt haben, in eine Sonderklinik des Kreml eingeliefert worden sein.
  • Das sowjetische Staatsoberhaupt, Nikolai Podgorny (67), kuriert zu Hause eine Erkältung aus und hat aus diesem Grunde eine Reise nach Japan abgesagt.
  • Auch die Mitglieder des Politbüros Michail Suslow (67) und Alexander Scheljepin (51) sind erkrankt.

Das Hauptinteresse der Beobachter richtet sich auf das Befinden Kossygins. Der Ministerpräsident war zum letztenmal am 30. März in der Öffentlichkeit aufgetreten.

Aufsehen hatte in Moskau vor wenigen Tagen auch die Ablösung der für Propaganda und die Kommunikationsmittel zuständigen Funktionäre Stepakow, Michajlow, Romanow und Mesjazew erregt. Stepakow soll zum Botschafter in Peking ernannt worden sein und Mesjazew soll den Botschafterposten in Australien übernehmen.