Nach der Ansicht von Professor Miller steht die Psychotherapie mit diesen vorläufig noch wenigen, aber ermutigenden Ergebnissen möglicherweise an der Schwelle zu einer Fülle neuer Heilverfahren. Allerdings wird der Mensch auf einen Kurareersatz vielleicht nicht verzichten können, denn immerhin lernten die Tiere unter Kurarewirkung gründlicher und besser, ohne diese Fähigkeit im Normalzustand wieder einzubüßen. Als „Ersatz“ bietet sich hier die Hypnose an, nachdem Versuche am Menschen offenbarten, daß die Probanden in diesem Zustand die Temperatur ihrer beiden Hände erheblich voneinander differieren lassen konnten, eine Fertigkeit, die sie ohne Hypnose nicht unter Beweis zu stellen vermochten.

Und noch etwas förderten die bisherigen Untersuchungen zutage: Das vegetative Nervensystem eines Menschen scheint ein „offenes Ohr“ für die Umwelt zu haben. Dazu ein alltägliches Beispiel. Ein kleiner Junge hat sich auf eine wichtige Klassenarbeit nicht vorbereitet und möchte am liebsten die Schule „schwänzen“. Sein vegetatives Nervensystem kommt ihm zu Hilfe – mit einem flauen Gefühl im Magen, mit Blässe und Schwächegefühl. Flugs konstatiert die besorgte Mutter, der Sprößling sei krank und gehöre ins Bett. Am Nachmittag geht es ihm dann wieder sooo gut. Er darf spielen gehen und kassiert dabei vor Gleichaltrigen eine Tracht Prügel. Tränen in dieser Situation, das weiß er, trügen ihm bestenfalls Hänseleien ein, also spart er mit dem Naß, bis er zur Mutter kommt, die solches Leid schon eher, und sei es nur durch tröstende Worte, „belohnt“. Wiederholen sich nun derlei Erfahrungen, so sollte das Kind, theoretisch zumindest, auf die Umweltsituation mit den passenden Symptomen reagieren lernen. Zwar stehen klinische Untersuchungen solcher Verhaltensweisen noch aus, ein Vergleich sozialer Daten verschiedener Gesellschaften zeigt jedoch, daß das Tränenquantum offensichtlich an die zu erwartende Reaktion der Umwelt gebunden ist.

Erich Kästner läßt einen seiner kleinen Helden nachts auf einer Fensterbank noch mühsam gegen den aufsteigenden Tränenschwall kämpfen. Des Abendlands Ideale waren nicht immer so streng. Homers Helden ließen oft und gern die großen Tränen fallen ... Peter Jennrich