Von Helmut Salzinger

Das Elend, dem die Institutionen des Kulturbetriebs ihre Zulieferer überantworten, läßt sich beispielsweise auch daran ablesen, daß dem Rezensenten literarischer Neuerscheinungen gelegentlich bedeutet wird, dieses Wort oder jene Formulierung seien im Blatt fehl am Platze. Die Skala reicht von der sanften Mahnung an den Rezensenten bis zum unangekündigten Griff zum Redigierstift. Als ich einmal geschrieben hatte, der Autor hätte sogar „geklaut“, fand ich im Druck statt dieses Wortes das offenbar gehobenere „gestohlen“ wieder. Aber auch Rezensenten sind Autoren, und es soll sogar vorkommen, daß sie sich bei dem, was sie schreiben, etwas gedacht haben. Die Literaturkritik ist eine literarische Gattung, für deren Progressivität oder Sterilität die Kritiker Sorge tragen müssen.

Woran liegt es wohl, daß die herkömmliche Buchrezension vom avancierten Teil des Publikums allenfalls noch angelesen wird? Das liegt am gravitätischen Gehabe ihrer Verfasser, und das wird von den meisten Zeitungsmachern auch noch protegiert. In der Belletristik ist es inzwischen, nachdem noch vor gut zehn Jahren in der deutschen Ausgabe von „Naked Lunch“ gewisse Passagen unübersetzt geblieben waren, doch schon zur Selbstverständlichkeit geworden, daß die Autoren und nicht die Verleger darüber bestimmen, was sagbar ist. In der Literaturkritik ist man so weit noch nicht. Hier gilt eine Sprachregelung, die auf der Annahme zu beruhen scheint, die Leser von Buchrezensionen seien empfindlicher als die Leser der darin rezensierten Bücher.

Ich rede hier keineswegs der bloßen Lust an der Provokation das Wort. Es geht schon längst nicht mehr um den Schock, den vielleicht die allerletzten schönen Seelen davontragen könnten. Es geht hier vielmehr um eine Literaturkritik, die ihrem Gegenstand gewachsen ist, und das heißt nicht zuletzt, sprachlich gewachsen. Wie aber kann sie das sein, wenn der Kritiker sich sogar außerstande sieht, das zu zitieren, was er für richtig hält?

Ein Zweig der neuesten Literatur, deren Protagonisten durchweg amerikanische Schriftsteller sind, ist in einer Sprache abgefaßt, deren wesentlichste Elemente aus dem gesprochenen Slang stammen. Das Obszöne und Vulgäre dieser Sprache ergibt sich aus den dargestellten Sachverhalten – wobei angemerkt werden soll, daß diese Sprache obszön und vulgär nur nach den Maßstäben des gehobenen kulturellen Mittelstandes ist, dem die betreffenden Autoren nun einmal nicht angehören.

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die von dieser Literatur signalisiert werden, gehen auch die Institutionen des Kulturbetriebs etwas an. Entweder also nehmen sie sie zur Kenntnis, wie sie ist, oder sie lassen es bleiben.

Im einen Fall müssen sie allerdings auch der Kritik das Recht zugestehen, sich auf die mit der gesellschaftlichen Veränderung zugleich eingetretene Wandlung des Begriffs von Kultur einzustellen. Im anderen Fall würden sie ihren Anspruch auf Liberalität und Weltoffenheit vollends Lügen strafen. In diesem Konflikt verfallen sie gewöhnlich auf den eleganten Kompromiß, dem Kritiker abzuverlangen, er möge derlei Literatur doch bitte mit den Seidenhandschuhen der gehobenen deutschen Umgangssprache angehen, flott und unakademisch, anschaulich und begrifflich, aber weder allzu begrifflich noch allzu anschaulich. Dahinter steht die unerklärte Absicht, das Lebendige als Mumie und diese für lebendig auszustellen. Denn diese Literatur beweist ja gerade, daß die Kultur, die von den kulturellen Institutionen immer noch gehätschelt wird, im Eimer ist. Die Kulturrevolution ist nämlich bereits im Gange. Und der Rezensent, der darüber spricht und dabei den guten Ton wahrt, läuft Gefahr, seine Leser zu belügen. Diese Literatur ist nicht mehr die gute alte, und allen Herausgebern, Chef- und Feuilleton-Redakteuren, allen Kritikern, Verlegern, Buchhändlern und Lesern, die immer noch meinen, es müsse doch möglich sein, über sie zu sprechen, als ob sie es noch wäre, sei entgegnet, daß das eben nicht möglich ist, weil diese Literatur nun einmal der guten alten den Garaus zu machen versucht und ihr das in vielen Fällen auch schon gelungen ist.