„Er“, Held der Szene, ist ein struppiges Ungetüm von einem Hund, das wartend im Garten sitzt und so tut, als gehöre es zum Inventar des von einer vierköpfigen Familie übernommenen Hauses. Worauf aber wartet das Tier? Der Hund verharrt als lebendiges Fragezeichen in seiner Wartestellung und zwingt so die beiden Jungen, weiter über ihn nachzudenken, und das ist nach Meinung der Mutter „so ziemlich das Beste, was man tun kann“. Diese Open-End-Geschichte – ein wenig sentimental, ein wenig sophisticated, ein wenig hoffnungsvoll und optimistisch – hat in Edward Gorey einen idealen Illustrator gefunden. Damit wird der Zeichner von Weltrang hier erstmalig und endlich als Kinderbuchillustrator vorgestellt. Für die jüngsten amerikanischen Leser hat er bereits eine stattliche Reihe von Büchern mit seinen melancholischen Kinder- und Tiergestalten bevölkert. (Rhoda Levine: „Er war da und saß im Garten“, aus dem Amerikanischen von Hans Manz, Illustrationen von Edward Gorey; Diogenes Verlag, Zürich; 32 S., 6,80 DM.) Hildegard Krahé

Ib Spang Olsen: „Das Katzenhaus“, aus dem Dänischen von Bettina Hürlimann; Atlantis Verlag, Zürich; 36 S., 9,80 DM.

Die Abenteuer, die Lasse und Laura erleben, könnten ein Lehrstück für sanierungssüchtige Stadtplaner sein, wenn ganz klar würde, ob hier gezeigt werden soll, wie sehr die Unordnung gleichsam gewachsener Hinterhöfe die kindliche Phantasie stimulieren kann; oder ob die Autorin meint, Kindern, die zwischen öden Mauern aufwachsen, bliebe nur die Ausflucht in die eigene Innerlichkeit. Die Beantwortung dieser Frage hängt nämlich davon ab, wo man bei dieser kleinen Erzählung die Nahtstelle zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit sucht. Daß sie nicht leicht zu entdecken ist, wird Kinder freilich kaum stören. Denn diese Einheit entspricht der ihrer eigenen Spiele. Es hat darum auch sein; Logik, daß die Illustrationen allesamt auf einen gemütvollen Realismus abgestellt sind. Die Kolorierung dieser Zeichnungen in Ziegelrot, Olivgrün und Schieferblau wirkt zwar ein bißchen eintönig. Dafür gibt es auf diesen Seiten all das zu entdecken, was auch Lasse und Laura bei der Erkundung ihrer neuen Heimat entdecken: Kinder, die köpflings an der Zimmerdecke Spazierengehen, Pferde und Katzen, Häuser und Ställe, ein Schiff und schließlich sogar eine von Kindern erbaute Maschine, die kaukasische Linsenpresse. Erzählt wird das in einem angenehmen selbstverständlichen Ton und einer bis auf einen Helvetismus makellosen, einfachen Sprache. Arianna Giachi

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Jules Verne: „Die Kinder des Kapitäns Grant“, Band I und II; Diogenes Verlag, Zürich; 533 S. und 486 S., je Band 12,– DM.

Brave Kinder, Bruder und Schwester, suchen den verschollenen Vater. Ein schottischer Lord macht’s möglich; denn er hat eine Dampfjacht, die den Stürmen aller sieben Weltmeere trotzt. Ein französischer Gelehrter lotst die ganze Gesellschaft rund um die Erde, eine Flaschenpost hat rätselhafte Hinweise enthalten. Doch wer da glaubt, daß Jules Verne hier vielleicht eine rührselige und allenfalls leicht detektivisch aufgemöbelte Geschichte erzählt hat, der irrt. Die Kinder des Kapitäns, der eine von England freie Kolonie für Schotten im Stillen Ozean gründen will und eine Art Robinson-war-mein-Lehrer-Dasein als Schiffbrüchiger führt, sind Entdeckungsreisende, die mancher Junge auch heute noch beneiden wird: Da jagt ein Ereignis das andere, Karl May wirkt dagegen kurzatmig, Und weil Jules Verne sich durchaus nicht nur in Utopien verlor, sondern die meisten seiner Erzählungen (und diese hier ganz besonders) mit Geschichten aus der wahren Geschichte der Naturforschung gespickt hat, deshalb machen die Kinder des Kapitäns Grant eine höchst lehrreiche

Exkursion, vor allem in die Entdeckungshistorie Australiens. In der Tat: hier hat Jules Verne ein heute noch aufschlußreiches Geographielehrbuch als Abenteuer-„Schmöker“ getarnt. – Der Text ist ungekürzt übersetzt. Die aus der französischen Originalausgabe übernommenen Illustrationen sind nicht ohne Witz, setzen Pointen zu dem, was Jules Verne raffiniert spannend zu berichten weiß. Alexander Rost