Der Vatikan, schon allein als architektonischdekoratives Ensemble ein wichtiges Stück Kunstgeschichte, beherbergt in seinem Inneren Kunstsammlungen von einer Größenordnung, die das Aufnahmevermögen auch eines blick trainierten Besuchers überfordert. Ziellose Wanderer durch das Labyrinth nehmen den irritierenden Eindruck eines erhabenen Sammelsuriums von Kulturablagerungen mit nach Hause, andere, die den Drei-Sterne-Ratschlägen des Führers folgen, kämpfen in der Höhenluft der Meisterwerke mit Sauerstoffmangel.

Wer bei dem Besuch der vatikanischen Museen den Wert der Kunstwerke nicht nach Quadratmetern und Zentnern einschätzt (ein Maßstab, den die Überfülle an Statuen und Fresken durchaus verständlich macht), dem ist ein längeres Verweilen in den Räumen der Apostolischen Bibliothek anzuraten: Hier findet er – neben der „Aldobrandinischen Hochzeit“ und den „Odysseus“-Fresken, die zu den „musts“ gehören – eine faszinierende Vielfalt von bescheiden dimensionierten Gegenständen aus dem christlichen Sakralbereich, die die Entfaltung der Kunst von der Spätantike bis zur Gotik widerspiegelt.

Thematische Beschränkung und Kleinformat wirken zum Vorteil der Konzentration; das künstlerische Bild der Jahrhunderte präsentiert sich im Zeitraffer: Aus dem zufälligen Nebeneinander ergibt sich ein aphoristisches Spektrum der Epochen.

Zur Verdeutlichung der Spannweite des in der Sammlung der Apostolischen Bibliothek Vereinigten genügt der Hinweis auf die spätantiken Goldgläser, einzigartige Zeugnisse einer untergehenden Luxusindustrie, die prächtigen byzantinischen und syrischen Seidenstoffe, die frühmittelalterlichen Reliquiare und Emails aus dem Schatz der Cappella Sancta Sanctorum und die karolingischen, byzantinischen und gotischen Elfenbeinarbeiten.

Die bescheidenen „Wegweiser“ durch die beiden Museen der vatikanischen Bibliothek enthalten zuverlässige Texte, aber kein zufriedenstellendes Abbildungsmaterial. Der optischen Frustration wird nun durch den Band „Die Kunstsammlungen der Bibliotheca Apostolica Vaticana Rom“ (Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 184 S. mit 36 Farbtafeln und 118 Abb., 86,– DM) ein Ende bereitet, in dem die Hauptstücke des Museo Profano und des Museo Sacra erstmals im Zusammenhang publiziert sind: Leonard von Matt hat sie ausgezeichnet photographiert, Georg Daltrop und Adriano Brandt haben informative, manchmal etwas trockenpädagogische Kommentare beigesteuert.

Helmut Schneider