Ein noch junger Dichter Sowjetrußlands (knapp vierzig Jahre) wollte raus aus seinem Lande. Warum? Er hat es dem Ost-Experten der Pariser Zeitung „Le Monde“, Monsieur Michel Tatu, erzählt, indem er ihm eine Geschichte erzählte.

„Zwei Nachbarstädte. In der einen macht jeder, was er will, abgesehen natürlich von Mord und anderen Verbrechen. In der anderen springen alle auf, wenn gepfiffen wird, marschieren in Kolonnen, tragen den gleichen Anzug, kämpfen für dieselbe Idee. Es gibt in der freien Stadt einige junge Leute, die sagen: ‚Ach, wie ist das Leben traurig! Wir wollen auch im Gleichschritt marschieren!‘

Die Bewohner der anderen Stadt verfluchen die strenge Ordnung und würden gern über die Mauern springen, bloß um nicht mehr im Gleichschritt marschieren zu müssen. Welche von den beiden Städten ist die bessere? Nach meiner ganz persönlichen Meinung die erste Stadt.“

Nun war es nicht so leicht für den russischen Erzähler, „über die Mauern zu springen“. Immer, wenn er einen Antrag auf eine Auslandsreise stellte, sagte die Geheime Staatspolizei nein. Er mußte sich etwas einfallen lassen. Das war seine ganz persönliche Meinung. Zuerst fiel ihm ein, er könne gegen den französischen Übersetzer eines seiner Bücher einen Prozeß anstrengen. Damit war die Geheime Polizei ganz einverstanden, doch meinte sie, er könne diesen Prozeß auch gewinnen, ohne daß er persönlich nach Paris eilte. So geschah es auch. Er gewann den russisch-französischen Übersetzungs-Prozeß in absente, wie es auf lateinisch heißt.

Dann mußten eben schärfere Mittel her. Wie, wenn er, um das Vertrauen der Geheimen Polizei zu gewinnen, einen russischen. Kollegen ein bißchen denunzierte, beispielsweise den Dichter Jewtuschenko, der doch schon so manche schöne Auslandsreise gemacht hatte? Er ließ also durchblicken, Jewtuschenko habe, eine kleine Geheimdruckerei im Keller. Dies gefiel der Geheimen Polizei sehr gut. Denn sie sah, daß unser Dichter ein vertrauenswürdiger Mann sei.

Und als er jetzt bat, nach London reisen zu dürfen, um Dokumente zu sammeln über das Leben Lenins, dessen Geburtstag sich in diesem Jahre zum hundertsten Male jährt, verschaffte sie ihm endlich die nötigen Reisepapiere. In London angekommen, sagte der Dichter allerdings: Hurra, gewonnen! Nie . wieder Sowjetrußland!

Trotz des persönlichen Happy-Ends ist dies keine besonders schöne Geschichte, jedenfalls – nicht unbedingt in den Augen jener, die in bürgerlichen Schulen Moral gelernt haben. List: na ja. Denunziation: o weh! Und was ist mit dem Pariser Prozeß?