Von Richard Schmid

John Kenneth Galbraith: „Tagebuch einesBotschafters. Ein persönlicher Bericht über die Jahre mit Kennedy“; ins Deutsche übertragen von Karl Otto von Czernicki; mit 56 Photos und 10 Karten; Verlag Droemer Knaur, München 1970; 592 Seiten, 28,– DM.

Nach deutschen Maßstäben und Begriffen ist das Tagebuch, das John Kenneth Galbraith, Professor der Nationalökonomie an der Universität Harvard, über seine 27 Monate als Botschafter in Indien in den Jahren 1961 bis 1963 veröffentlicht, durch seine Offenheit und Ungeniertheit fast unmöglich. Diese Ungeniertheit ist zwar in Amerika möglich, aber auch dort ein singulärer Fall.

Sicherlich hat Galbraith – er gibt das im Vorwort zu – gewisse Rücksichten auf Personen und Geheimnispflichten nehmen müssen, wobei er die indischen Personen eher geschont habe als die amerikanischen; aber wichtiger war ihm, bei der Schilderung sowohl der amtlichen Routine als der politischen Höhepunkte und Konflikte seiner Botschafterzeit, nicht durch beamtenmäßige Bedenklichkeiten behindert zu sein. Nicht nur wollte er als Schriftsteller von Ruf, der er ja auch ist, auf den Humor und die Buntheit der Fakten nicht verzichten; vor allem wollte er einiges aber das Verhängnis der amerikanischen Asienpolitik möglichst deutlich und konkret ans Licht bringen. Bei diesem Vorhaben erweist sich Galbraith als ungemein scharfsinniger und souveräner Geist.

Was den Schriftsteller Galbraith betrifft, so hat seine Begabung und Produktivität sich schon früher außerhalb seines ökonomischen Fachbereichs getummelt, innerhalb dessen er ja durch berühmte Bücher international bekannt ist. Von ihm stammt der im Jahre 1967 unter dem Autorennamen Leonard C. Lewin erschienene „Report from Iron Mountain“, in Deutschland unter dem vergröbernden Titel „Verdammter Friede“ erschienen, ein Büchlein, das eine brillante, für den groben deutschen Geschmack zu feine und weithin nicht als solche erkannte Satire mit doppelter Spitze ist: erstens wird darin dargelegt, wie unser nationales Leben ausschließlich, materiell und ideologisch, auf den Krieg und auf den Feind hin ausgerichtet ist; zweitens ist es eine gelungene Parodie des Expertenstils amerikanischer wissenschaftlicher Gremien. Die Schrift ist offensichtlich eine literarische Frucht der engen Berührung mit staatlicher Politik und der hohen Bürokratie. Das Autorenpseudonym war unumgänglich, da der Report eine Mystifikation ist.

John F. Kennedy hat kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten Professor Galbraith den Botschafterposten in Indien angetragen. Dessen Freimut, Witz, durchdringender Verstand, Formulierungsgabe dürften dabei wichtiger gewesen sein als sein Ruf als Wirtschaftswissenschaftler, der übrigens sein Diplom in landwirtschaftlicher Betriebswirtschaft und Tierzucht abgelegt hatte. Der Tagebucheintrag vom 10. Februar 1961 beginnt so: „Mag sein, daß der Präsident von meinen diplomatischen Fähigkeiten noch nicht ganz überzeugt ist, doch bin ich noch immer die unbestrittene Autorität über den Schweinepreis.“

In dieser Zeit vor Antritt seines Botschafteramtes wirkt Galbraith auch als Berater und Redenentwerfer im Weißen Haus; von ihm stammt die berühmte Wendung in Kennedys Antrittsrede: „Wir werden nie aus Furcht verhandeln, aber auch nie Furcht vor Verhandlungen haben.“ Galbraith muß seine Anhörung durch den Senat, seine Überprüfung durch das FBI und eine Instruktion durch die CIA über sich ergehen lassen, was er ebenso witzig wie schonungslos schildert. Zu der Überprüfung durch das FBI sagt ihm der Präsident selbst, „es gehöre zu den seltenen und unerwarteten Vergnügen, die sein Amt mit sich bringe, die FBI-Berichte über seine Neuernennungen zu lesen. Man könne sich gar nicht vorstellen, wie viele finstere Details auch über die bravsten seiner Mitarbeiter gemeldet würden. Und niemand würde jemals einen Posten im öffentlichen Leben anstreben, wenn er wüßte, was irgendein Dritter später einmal über ihn in diesen Unterlagen nachlesen könnte“.