Von Martin Gregor-Dellin

Siegfried Lenz zeigte sich im Interview mit, Marcel Reich-Ranicki einmal überrascht über die Ansicht eines Rezensenten, daß all die zustimmenden Kritiken zur „Deutschstunde“ weniger sein Buch meinten als seine Person.

Wieso eigentlich überrascht? In diesem Augenblick hatte er wohl vergessen, was er drei Jahre zuvor in „Ich zum Beispiel“ von seiner ersten Begeisterung für Literatur geschrieben hatte: „Am stärksten wurde ich ergriffen, wenn er (der Lieblingslehrer) von Schriftstellern erzählte: fast jedes Werk sah er vor dem biographischen Hintergrund seines Schöpfers, jede Dichtung war für ihn ein Ausgang aus biographischer Not.“ Es scheint, hier war dem Lieblingslehrer ein fruchtbarer Boden bereitet. Die Disposition zum Biographischen war bei Lenz eher da als das Interesse der Kritik an seiner Person.

In „Ich zum Beispiel“, dem 1966 veröffentlichten Aufsatz über den Jahrgang 1926, seinen eigenen, ist Siegfried Lenz denn auch etwas gelungen, was sich wohl jeder Autobiograph wünscht: die eigenen Erfahrungen mit denen einer ganzen Generation in Übereinstimmung zu bringen.

Ich weiß, wovon ich spreche; ich gehöre dem gleichen Jahrgang an. Wer mit dem Charleston und Kafkas postumem Schloß-Roman auf die Welt kam und von der HJ vereinnahmt wurde, kennt die von Lenz beschriebene exemplarische Sehnsucht nach Ziellosigkeit, die einen nach 1945 ergriff, den messianischen Zug der Berufswahl, die letztlich doch nur aus Zufällen und Verhinderungen resultierte, und das Maß dessen, wovon man sich zu befreien hatte: „Mitunter, oft sogar, habe ich den Komplex, mir meine Jugend vom Leibe halten zu müssen ...“

Das alles stimmt auf fatale Weise und steht daher zu Recht am Beginn seiner Sammlung von Aufsätzen aus fünfzehn Jahren –

Siegfried Lenz: „Beziehungen“, Ansichten und Bekenntnisse zur Literatur; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 300 S., 20,– DM.