Von Ernest Ehrenfeld

Formentera – Schwesterinsel Ibizas, wie schnell hast du dich in wenigen Jahren verändert! Dank des Touristen Wettrennens mit Ibiza – so wie früher Ibiza mit Mallorca.

Noch vor sechs Jahren kamen fast nur Außenseiter, um Glück und paradiesische Ruhe zu finden. An den Stränden, kilometerweit, Stille, nur der ruhige Atem des Meeres. Die wenigen einfachen Häuser sind ohne elektrisches Licht. Kerzenschein und Petroleumfunzeln schimmern unter dem Mond. Dreitausend Menschen leben hier, ärmlich, zufrieden und unzufrieden. Ein wenig Getreide wächst auf dem kargen Boden. Große Feigenbäume schenken ihre Früchte und Schatten den Schafen, Keine Stacheldrahtzäune, wie sie später deutsche Siedler eingeführt haben, begrenzen das Land. Überall dort, wo sich einige Häuser zu einem kleinen Dorf zusammendrängen, winzige weißgekalkte Kirchen, ein Friedhof.

Früher wanderten viele aus, um sich ihr Brot auf dem Festland zu verdienen. Oft ließen sie Frauen und Kinder zurück. Nach Jahren, nur selten freilich wohlhabend, gaben sie ihrem Inselheimweh nach. Manche fanden sich nicht mehr zurecht. Die Welt draußen war größer – die Insel nun wie eine Gefangenschaft.

Die Ibicencos sahen zu den Formenterianern hinüber wie zu ihren ärmlichen Verwandten. Ungern nur fuhren sie hin. Ihre Insel war größer, grüner und näher der Welt! Alles was man auf Formentera zum Essen und Wohnen brauchte, mußte erst herübergeschafft werden. Umgekehrt kamen die Bewohner aus Formentera nur nach Ibiza, wenn sie mußten: Geburten, Zahnarzt. Umständlich war die Überfahrt mit dem schwankenden Boot. In den Wintermonaten konnte das Schiff zuweilen gar nicht ausfahren – so stürmisch zeigte sich das Meer. Dann blieb die Insel ohne Nahrungsmittel und Nachrichten.

Die ersten Künstler kamen herüber. Sie wurden freundlich-mißtrauisch betrachtet. Waren es Eindringlinge? Was wollten die „Fremden“ auf dieser Insel? Unter der Sonne sitzen wie brütende Hühner und nicht genug davon bekommen? Oder Schreibmaschine schreiben, viele Stunden, um ungezählte Blätter wie an Feigenbäumen zu füllen. Niemand fragte die Fremden nach ihrem Woher und Wohin. Man ließ sie „unangemeldet“ übernachten. Unterkünfte gab es ohnehin so gut wie keine. Ihre Ansprüche waren bescheiden. Manche blieben monatelang. Sie erhielten Briefe, Telegramme und sogar Geld.

Bei Pepe in der Fonda ließen sie dann einen Teil ihres Pesetenreichtums, mit einem anderen beglichen sie Bett und Mahlzeiten. Anfangs schenkte Pepe den Fremden noch Kredit, jeden einzelnen Cognac schrieb er in ein Schulheft. Die Bauern und Fischer, die abends auch in Pepes Bar herumsaßen, konnten sich solche überflüssigen Ausgaben nicht leisten. Sie spielten bis in die Nacht hinein Karten und pafften ihren selbstgepflanzten Tabak.