„Josefine Mutzenbacher: Meine 365 Liebhaber – Die Fortsetzung meiner Lebenseeschichte“. Das Auffallendste an dieser Publikation ist die mutige Selbstverleugnung des Verlages, der – nachdem Oswald Wiener so erfolgreich die „Josefine Mutzenbacher“ kommentiert und mit einem Wiener Wörterbuch der Begriffe für das, wofür die Hochsprache nur betretenes Schweigen anzubieten hat, versehen hatte – Wiener wieder um einen Beitrag bat und ihn dem Buch voranstellte, obwohl Wiener zu der Konklusion kommt: „Meine 365 Liebhaber aber ist mittelmäßige Pornographie.“ Dem ist wenig hinzuzufügen: die anarchischen Elemente des ersten Mutzenbacher-Buches, an dessen Erfolg sich die anonyme Fortsetzung klebt, ist hier jenem Operetten-Wien gewichen, das es sich auch beim Schweinigeln vor allem „gemütlich“ sein läßt. Da endet alles auf „erl“, das Schwanzerl, das Herzen, das Kammerl, und wo gehobelt wird, fallen hier die Späne des Kitsches, der Sentimentalität, die die brutale Reduzierung von Literatur zum Beischlafersatz mit falscher Lustigkeit, falschen Gefühlswallungen und falscher Wien-Atmosphäre zu kaschieren sucht. Die Folklore-Ungarn, die sprechen wie in schäbigen Witzen, die Wiener Typen, die immer wieder das eine, wenn auch immer wieder bis zur Ermüdung anders tun – sie alle sind bestenfalls als indirektes Zeugnis brauchbar, weil sie in ihrer höhnischen Spekulation auf den zeitgenössischen Leser und dessen beim Lesen freibleibende rechte Hand einen Zeitgeist festhalten, den Karl Kraus in seinem Buch „Sittlichkeit und Kriminalität“ analysierte. (Verlag Rogner & Bernhard, München; 229 S., 18,– DM)

Hellmuth Karasek

„Die sanfte Tote“ von Julian Gloag. Dieser Kriminalroman ist spannend, sein Geschehen wird psychologisch einleuchtend motiviert, sein Thema ist von gleichbleibender Aktualität: ein Mensch – unschuldig schuldig. Der Verleger Jordan Maddox wandert gleich zu Anfang in Untersuchungshaft, er wird des Mordes an seiner Sekretärin June Singer verdächtigt. Noch ehe er begreift, daß in polizeilichen Verhören auch Unschuldigen Vorsicht und Diplomatie geboten sind, erliegt er den Überführungskünsten täterbegieriger Kriminalbeamter und läßt sich zum Hauptangeklagten machen. Der Zellenaufenthalt allerdings hat auch seine Vorteile. Maddox tut etwas, das er bisher nie getan hat; er denkt über June Singer nach und kommt zu Überraschenden Ergebnissen. Der Autor koordiniert geschickt die Schilderung wachsenden persönlichen Schuldgefühls mit der vom allmählichen Zusammenbruch eines Indizienbeweises. Nicht ganz so überzeugend ist der Schluß: Maddox, durch seine Klausur geläutert, sieht seine Ehefrau mit völlig anderen Augen, alles ist vergeben, vergessen und vor allem verstanden, und sie fahren selig in die Ferien. (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 536 S., 25,– DM)

Christel Buschmann

„Die alten bösen Lieder“, Lieder und Gedichte der Revolution von 1848, ausgewählt und herausgegeben von Klaus Kuhnke. Die Texte von anonymen und bekannteren Dichtern stehen auf den ersten sechzig Seiten, die Noten auf einem Dutzend weiterer im Anhang – soweit diese „demokratischen Volkslieder“ nicht zur Melodie der Marseillaise oder aber zu denen von „Heil dir im Siegerkranz“, „Guter Mond, du gehst so stille“, „Es war ein König in Thule“ und „In einem kühlen Grunde“ gesungen werden sollen. Für die anonyme „Fürstenjagd“ wird die Melodie „Auf, auf zum fröhlichen Jagen“ empfohlen. Neunte Strophe: „Hui Sau! Mit straffen Borsten, / Von Polenblut so rot!!! / Dich jagt in freien Forsten / Der wilde Jäger tot.“ Zugegeben, es geht meist nicht um Polen, sondern um Fürsten, Könige und Pfaffen und weniger ums Jagen als um die Befreiung aus geistiger und leiblicher Unterdrückung. Aber geht das heute noch so? „Herbei zum heil’gen Kriege / Was Schwerter tragen kann! / Leb wohl, du treues Liebchen, / Ich kehr als freier Mann!“ – „Frisch, Brüder, greifet zu den Waffen! / Uns mahnt zum Kampf die heil’ge Pflicht; / Laßt durch das Schwert uns Recht verschaffen, / Das letzte Heil im Schwerte liegt!“ – „Hinaus in Kugelregen!/ Die Blutsaat wird zum Segen! / Und ob auch unser Aug’ im Tode bricht, / Auf unsern Gräbern strahlt der Freiheit Licht.“ Oder gar: „Und wenn der Wut des Volks ihr. Blut / In Strömen ist geflossen, / Kann hoch und hehr aus blut’gem Meer / Die junge Freiheit sprossen.“ „Deutschland, erwache“ hatten die Nazis knapp formuliert und die Verse von 1848 für ihre Zwecke mißbraucht. Mißbraucht? (songbuch 6, damokles verlag, Ahrensburg/Paris; 6,80 DM)

Elena Schöfer