Berlin Bis zum 3. Mai, Galerie Poll: „Peter Sorge, Graphik 1963 bis 1970“

„Ich zeichne nicht die Dinge“, sagt Sorge, „ich zeichne die Photos.“ Steigen die Surrealisten ins Unterbewußte, so steigt er ins Oberbewußtsein der Zeitläufte. In seinen Zeichnungen, Radierungen, Lithos stellt er Bild neben Bild ins Bild, säuberlich gegeneinander abgegrenzt: den Reporterschnappschuß neben die künstlerische live-Aufnahme, den Vietnam-Hubschrauber neben das Pin-up-Girl, den Bodybuilding-Muskelmann neben den NPD-„Ordner“, wie er es im beziehungslosen Nebeneinander des visuellen Massenangebots der Illustrierten und der Presse vorfindet und in seine exakt-unpersönliche Handschrift überträgt. Da ist eine zwar kritische, aber nicht vordergründig ideologische Intelligenz am Werk. Sorge legt ein Psychobild der Gegenwart vor, dessen Montagen die Zusammenhänge der Zusammenhanglosigkeit darlegen und aufdecken. Wolf Jessen

Hannover Bis zum 19. April, Kunst-Derein: „Napoleon ’70“

Das Resultat einer internationalen Umfrage unter einhundert Künstlern: Was halten Sie von Napoleon? Was machen Sie aus ihm? Eine historische Figur „mit Legende und Aura“, eine Witzfigur? Jeder Künstler bekam von Klaus Hoffmann aus Seebüll eine Postkarte ins Haus mit Ingres Ölskizze, das halbfertige Porträt bewährte sich als ideales Animationsobjekt, jeder ergänzte und verhackstückte den Empereur nach seiner Fasson. Christo verpackte ihn so gründlich, daß nur ein Schatten von ihm blieb. Graubner band ihm ein Minikissen vor den Bauch. Rolf-Gunter Dienst klebte ihm das Photo eines melancholischen jungen Mannes mit Sonnenbrille vor das Gesicht, die Arme flattern als breite Bandornamente. Emmet Williams aus New York notierte unter dem vermummten Schädel „Kilroy was here“. Hamilton zeichnete konsequent im Ingres-Stil einen Comic-Helden. Das Napoleonspiel ist eine neue und amüsante Art der Selbstdarstellung, „Napoleon ’70“ sagt weniger über Napoleon im Urteil der Befragten als über die Kunst im Jahre 1970. Mit den 100 Miniaturen könnte man, originalgroß reproduziert, ein witziges und instruktives Kunstbuch machen, wenn die Ausstellung zu Ende ist. Sie war zuerst in Schleswig, dann in Kaiserslautern und geht von Hannover nach Oldenburg, und in jeder Stadt wurde sie um ein paar Beiträge größer.

Köln Bis zum 9. Mai, Baukunst: „Künstler aus Ungarn

Nicht ungarische Kunst heute, kein Querschnitt, sondern sieben Künstler aus Ungarn, Künstler der jüngeren Generation, die sich längst vom sozialistischen Realismus, von jeder staatlichen Bevormundung emanzipiert haben. „Den Künstlern, die dazu berufen sind, unser Zeitalter zu repräsentieren, kann man keine Vorschriften machen“, erklärte einer der sieben, Laszlo Gyemant, als er 1966 seine erste Ausstellung in Budapest hatte. Sein Gemälde „Erwachen der Erinnerungen“ sieht aus wie ein Rauschenberg von 1960, nur viel gefälliger und hübscher, das junge Mädchen umgeben von den Requisiten seiner Kindheit, Teddybär und Schulheft, und die ägyptische Göttin vermalt zwischen Farbmaterie, die über die Leinwand tropft. Er malt auch einen „Neil Armstrong 1970“, eine naive Huldigung an die NASA, ohne die polemische Schärfe, mit der seine amerikanischen Kollegen, etwa Indiana, das Thema angehen. Andere Galerien würden Ungarn anders präsentieren. Auf der Nürnberger Konstruktivisten-Biennale sah man ungarische Konstruktivisten. Heute findet jeder in Ungarn – und in den meisten Ostblockländern – das, was er finden will.

Gottfried Sello