Von Hans Krieger

Die ersten Berliner Kommunen waren kaum dauerhafter als der Skandal, den sie erzeugten. Die Idee aber hat sie überlebt. An dem Beispiel, das sie setzten, konnte sich ein Unbehagen konkretisieren, das durchaus auch in Kreisen empfunden wird, die sich ansonsten nicht als Revolutionäre fühlen, und das noch die massiven Reaktionen der Empörung speiste.

Schwerlich könnte man von dem Wunsch einer Handvoll junger Leute, in größeren Kollektiven zusammenzuleben, den Zusammenbruch der Institution Familie befürchten, ahnte man nicht dumpf ihre Bedrohung durch ihre eigenen inneren Widersprüche.

Diese Widersprüche werden heute vielfach auch dort erfahren, wo sie nicht im Rahmen einer fundamentalen Kritik des kapitalistischen Systems theoretisiert werden. Der Schwund gesellschaftlich bedeutsamer Funktionen, die Reduktion der Familie zur Konsumeinheit läßt die Regulierung der emotionalen Bedürfnisse, der sie von jeher diente, als Begrenzung sozialer Kommunikationsmöglichkeiten drückender empfinden und macht sie unfähig, in einer Zelle der Geborgenheit die ohnmächtige Vereinzelung im aggressiven Klima der Konsum-Konkurrenz abzufangen, an deren Aufrechterhaltung sie inzwischen selber teilhat. Die mangelnde Rationalität ihres Wirtschaftens und ihr zunehmendes Ungenügen. als Entfaltungsraum für die Kindheit wirken vor allem für die Frau desintegrierend. Dies macht die Attraktivität der Kommune-Idee auch außerhalb des klassenkämpferischen Zusammenhanges ihres Ursprungs aus.

Den Überlebenden der Berliner Kommune 2, die ihre Selbsterfahrung in der Kommune jetzt in einem detaillierten Bericht niedergelegt und analysiert haben –

Kommune 2: „Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums“; Oberbaumverlag, Berlin; 311 S., 13,– DM

erscheint bürgerlich-liberale Aufgeschlossenheit gegenüber der Idee der Großfamilie freilich als Taktik der systemerhaltenden Kräfte, den gesellschaftlichen Konflikt zu neutralisieren. Eine Position wie die Helmut Kentlers, der sich von der Einübung herrschaftsfreier Kommunikation in Wohngruppen eine Demokratisierung auch des öffentlichen Lebens verspricht, tun sie als linksbürgerliche Verschleierung ab. Da die Entfremdung des Menschen zuallererst in den Produktionsverhältnissen wurzele, könnten Wohnkollektive, die nicht zugleich am politischen Kampf in der Produktionssphäre teilhätten, nur der Entschärfung von Teilwidersprüchen innerhalb des kapitalistischen Herrschaftssystems dienen.