Eine Krise und immer noch kein Ende – so möchte man den Zustand Beschreiben, in dem am vergangenen Samstag ein übernächtigtes, völlig zerstrittenes Studentenplenum auseinanderlief. Die einstweilige Verfügung des Gerichtsvollziehers, die wie ein Damoklesschwert über diesem 22. Treffen des Verbands Deutscher Studentenschaften gehangen hatte, setzte nur den Schlußpunkt unter eine Auseinandersetzung, die auch nach Göttingen noch andauern und sich in neuen Kontroversen entladen wird. Denn der Dachverband deutscher Studenten, seit Jahren durch innere Streitigkeiten erschüttert, ist auch nach seinem Göttinger Treffen weit von einer einheitlichen politischen Willensbildung entfernt: In rivalisierende Gruppen zerstritten und kaum in der Lage, die verschiedenen Interessen in einem Minimalprogramm zu bündeln – so bietet sich der Dach verband VDS dar, nachdem seine über zweihundert Delegierten das Kampflager in der Göttinger Festhalle verlassen haben.

Dennoch ist man geneigt, von einem Wandel in der studentischen Politik zu sprechen, von einer zögernden Überprüfung früherer Doktrinen und einer selbstkritischen Einschätzung der eigenen Position. Denn seitdem deutsche Studenten zum erstenmal die Faust gegen Kapitalismus und Imperialismus erhoben, seitdem sie in Aktionen und der großen revolutionären Gebärde politische Möglichkeiten suchten, hat ein Prozeß der Selbstbesinnung eingesetzt, der immer deutlicher zu registrieren ist. In der nüchternen Umgebung des Göttinger Versammlungsorts präsentierte sich eine Studentenschaft, die auf revolutionäres Allotria und die früher übliche emphatische Geste verzichtete, die weder Aktionismus um jeden Preis noch handfeste Konfrontationen propagierte, sondern die fast sachlich ihre Chancen politischer Einflußnahme analysierte. Zwischen Lenin und Leussink, zwischen Anpassung und Widerstand pendelte der Eifer ihrer Diskussionen: Niemand wollte mehr wie früher den eigenen Verband zum Schlagstock gegen die herrschende Klasse gebrauchen, alle waren sich darüber einig, daß der VDS für die Durchsetzung eigener Strategien ein taugliches Mittel ist.

Damit fand die Mehrheit zu einem politischen Konzept zurück, das in studentischer Interessenpolitik seine eigentliche Aufgabe sieht – eine Interessenpolitik freilich, die sich von Einflüsterungen in Bonner Hinterzimmern beträchtlich unterscheidet. Studentisches Interesse wurde in Göttingen einmal mehr als die Notwendigkeit definiert, der als technokratisch und kapitalistenfreundlich apostrophierten Bildungspolitik eine bundesweite Kampagne entgegenzusetzen. Und Bildungsminister Leussink, als Vorsitzender des Wissenschaftsrates schon zur genüge verachtet, wurde zur Zielscheibe aller Proteste erkoren: auf ihn wartet in den nächsten Monaten ein Tribunal, das wohl alle studentischen Gruppen vereinigen und noch einmal den Beweis liefern soll, daß sich das Kabinett Brandt mit der Ernennung Leussinks zwischen alle erreichbaren Stühle gesetzt hat. Das Mißtrauen scheint jedenfalls unüberbrückbar, das Leussinks vierzehn Hochschulthesen von studentischen Parolen trennt.

Diese einhellige Abwehr offizieller, als Formierungs- und Disziplinierungsversuche verdächtigter Bildungsstrategien könnte schließlich doch den VDS am Leben erhalten, das nach früheren Ereignissen längst ausgeblasen schien. Nachdem sich der Dachverband noch vor fünf Monaten als eine Organisation erwies, die finanziell und materiell am Ende war, konnten die vier Mitglieder des in Hamburg gewählten Notvorstandes nun sogar Erfolgsbilanzen präsentieren. Seitdem in der Bonner Geschäftsstelle des VDS die Kampfparolen von den Wänden gewischt und revolutionäres Gehabe durch nüchterne Kaufmannsarbeit ersetzt wurde, kann sich der Verband sogar aus eigener Kraft finanzieren. Aus dem Berg von Schulden und Verpflichtungen, die die Desperados des SDS vor einem halben Jahr noch hinterließen, ist ein Plus auf der Habenseite geworden – dies war gewiß eines der erfreulichsten Ergebnisse, die man in Göttingen registrieren konnte. Der Beifall freilich, der dem Notvorstand für dieses Rechenkunststück dankte, könnte sich nur allzubald als widersprüchliches Omen erweisen: Göttingen war nämlich auch ein Studententreffen, das wie nie zuvor von eifersüchtigen Rivalitäten und Fraktionskämpfen hinter den Kulissen erfüllt war. Jede Gruppe hegte ein fast egoistisches Interesse, die eigenen Maximen als einzig verbindliche Richtschnur zu definieren. Der Meinungsstreit, der sich nicht selten in giftigen Attacken artikulierte, konzentrierte sich immer wieder auf die Frage, welche Funktionen dem VDS in Zukunft zuzuweisen seien.

Die überraschend große Fraktion der Marxisten-Leninisten, ein Wählerreservoir des ehemaligen SDS, revolutionärer Basisgruppen und esoterischer Einzelgänger, will die VDS-Zentrale als Informationsstelle für wichtige Nachrichten gebrauchen, sozusagen als Quelle aller Vorwürfe und Kampagnen, die bald der Bonner Bildungspolitik entgegenbranden sollen. Nach dem Willen dieser Fraktion, die in den Hochschulen Hamburg und München ihre Wählerhochburgen hat, soll der VDS seine Vertreter künftig in alle Bonner Gremien entsenden – freilich nicht im Sinne der oft geforderten konstruktiven Mitarbeit, sondern in der unverhohlenen Absicht, wichtige Informationen möglichst unverzüglich an die agitierende Basis zu vermitteln. Man wird sich indes fragen müssen, wie lange den militanten Einzelkämpfern des VDS die Türen von Wissenschaftsrat, Rektorenkonferenz oder Ministerbüros noch offenstehen, wenn sie in der Maske studentischer Spione deren Konferenzen beobachten wollen.

In dieser Abwehrhaltung ist man sich freilich einig: auch der Sozialdemokratische Hochschulbund, in Göttingen ohne sonderliches politisches Profil, verficht ein ähnliches Konzept. Der SHB, dessen jüngste Stimmengewinne dem VDS mit aus seiner akuten Krise geholfen haben, lief während dieses Mitgliedertreffens sehr oft Gefahr, von den Flügeln der Marxisten-Leninisten und den Spartakisten zerrieben zu werden. Besonders deren Intentionen standen der Absicht der übrigen Genossen oft diametral entgegen: Die Spartakisten wollen den VDS zur publizistischen Mittlerstelle umfunktionieren – zur Propagandastelle gewissermaßen, von der auch die letzten Segnungen der DKP in deutsche Studierstuben verbreitet werden können.

Mit Recht wird man sich fragen müssen, ob dieser Dualismus der Meinungen überhaupt noch einmal in einem Minimalprogramm vereinigt werden kann: Kaum von seiner schwersten Krise genesen, läuft der VDS erneut Gefahr, sich in dogmatischen Streitigkeiten zu verlieren.

Volker Mauersberger