Von Hans Mayer

Wenige Schriftsteller nennt und lobt man so gern als ihn: ja, es ist eine fast allgemeine Liebhaberei, gelegentlich etwas Bedeutendes über Lessing zu sagen. Friedrich Schlegel, „Über Lessing“ (1797)

Als dies geschrieben wurde, keine zwei Jahrzehnte nach Lessings Tod, war es, wie oft bei Friedrich Schlegel, gleichzeitig Lob und Ungezogenheit. Im Hochgefühl des neuen romantischen Konzeptes glaubte man Lessing bereits als historische Gestalt – und etwas gönnerhaft – beurteilen zu können. Er habe sehr in die Breite gewirkt, das wird zugegeben, „und auf einige tief“: nämlich auf Leute wie den Schreiber. Er habe Wirkungen ausgeübt, was gleichzeitig besagen sollte: nun sei es mit diesen Wirkungen zu Ende. Darum auch, im selben Aufsatz, Schlegels seither viel zitierte These, der Mann Gotthold Ephraim Lessing sei mehr wert gewesen „als alle seine Talente“. Auch kein Dichter sei er gewesen. Was für Vertreter der romantischen Schule den schlimmsten aller Vorwürfe bedeutete.

Ein lobenswerter Aufklärer also, von dessen Aufklärerei man nicht unbedingt viel halten mußte. Ein Rationalist, dem das Dichten schwergefallen sei. Ein Mittelding zwischen einem Künstler und einem Gelehrten. Abermals also: wichtiger zu nehmen als menschliches denn als geistiges Phänomen.

Diese romantische Fehldeutung wirkt bis heute nach. Auch in populären Einleitungen zu flüchtig zusammengestellten Lessing-Editionen repetiert man solche romantischen Fehldeutungen – und demonstriert damit einen Mangel an Reflexion und historischer Situierung gegenüber Lessing wie gegenüber der romantischen Schule.

Dennoch lassen sich deutlich die Stadien einer solchen Verkennung der Lessingschen Lebensleistung konstatieren. Friedrich Schlegels Urteil wurde noch zu seinen eigenen Lebzeiten von einer nachrückenden Generation ebenso abgetan, wie er seinerseits die deutsche Aufklärungsleistung Lessings verkleinert hatte. Heinrich Heine schreibt, wenige Jahre nach der französischen Juli-Revolution, sein berühmtes Pamphlet gegen die, „Romantische Schule“, also gegen Friedrich Schlegel und die Seinen; das Parallelbuch Heines jedoch über die Geschichte der deutschen Religion und Philosophie versucht eine Progression von Luther zu Lessing und von diesem bis Hegel zu etablieren:

In jenem für die Kritik der „deutschen Ideologie“ im weitesten Verstände so wichtigen Intervall zwischen der französischen Juli-Revolution von 1830 und der europäischen Umwälzung von 1848/49, in der Wirkungszeit Heines also und Börnes, Büchners und Nestroys, von Feuerbach und Marx und Engels, wurden auch zwei große Versuche unternommen, eine wissenschaftliche Grundlegung der Lessing-Forschung zu leisten. Es ist nicht zufällig, daß die erste wissenschaftliche Lessing-Edition und die erste auf sorgfältiger Materialforschung beruhende Lessing-Biographie jener Epoche angehören. Nicht minder charakteristisch, daß es gerade Lessing ist, dem diese höchsten philologischen Bemühungen zugute kommen. Eben jener Lessing, der angeblich nur als Phänomen, nicht aber als Werkschöpfer von Bedeutung gewesen sein sollte, wurde zum Gegenstand einer wissenschaftlich einwandfreien Edition und Literaturgeschichtsschreibung gemacht. Nicht Goethe oder Schiller, nicht Wieland und Herder, von den Romantikern ganz zu schweigen. Sondern Lessing.