Der Tag hat mich reicher gemacht", sagte Bundeskanzler Brandt nach seiner Rückkehr aus Erfurt. Doch sein Gesprächspartner, DDR-Ministerpräsident Stoph, hat, zumindest vorerst noch, eine andere Bereicherung im Sinn. Ausdruck dafür ist seine an Bonn gerichtete Forderung über 100 Milliarden Mark Wiedergutmachung.

In diesen Tagen hat die Ost-"Berliner Zeitung" in einem langen Artikel noch einmal den Anspruch auf die Milliarden-Forderung erklärt: "Es wird höchste Zeit, daß die westdeutsche Regierung sich klar darüber äußert, wann und wie sie die uns von der BRD zugefügten Schäden wiedergutmachen und begleichen will."

Innerhalb von vierzehn Tagen war die Schuld der Bundesrepublik schon wieder um einige Milliarden gewachsen. Die Zeitung bezog sich auf eine ältere Rechnung des greisen Kieler Professors Fritz Baade, der die Produktionsverluste der DDR durch Abwanderung von Arbeitskräften auf 85 Milliarden und die Reparationen, die die DDR für ganz Deutschland geleistet haben soll, auf 25 Milliarden Mark beziffert hatte. Das sind schon 110 Milliarden Mark, und das Ost-Berliner Blatt vergaß nicht hinzuzufügen, daß diese Summe durch Zinsen ständig weiterwachse.

Berücksichtigt man, daß die Reparationen vor mehr als 20 Jahren geleistet wurden und daß die meisten Flüchtlinge vor mehr als zehn Jahren in die Bundesrepublik kamen, dann läßt sich leicht eine Zinslast errechnen, die bereits höher ist als die ursprüngliche 100-Milliarden-Forderung. Bei Bedarf wird es den SED-Propagandisten kaum schwerfallen, die Verpflichtung der Bundesrepublik gegenüber der DDR weiter hochzutreiben.

Diese märchenhaften Summen sind allerdings kaum ernst zu nehmen. Gewichtiger mag allerdings die politische Absicht sein, die möglicherweise hinter der surrealistischen Ost-Berliner Rechnung steht.

Die einzige Summe, auf deren Zahlung die DDR einen Anspruch geltend machen könnte, ist in der von Stoph präsentierten Rechnung nicht einmal enthalten. Dabei handelt es sich um einen Ausgleich für die umfangreichen Leistungen, die die DDR-Post für die Verteilung von westdeutschen Briefen und Paketen erbringt.

Dafür fordert die DDR rückwirkend seit 1948 rund 1,8 Milliarden Mark, während die Bundespost nur einen Ausgleich für die Zeit anerkennt, seit der die DDR in der alliierten Postabrechnungsstelle nicht mehr vertreten ist, nämlich seit Anfang 1967. Seitdem werden die nach Rechnung der Bundespost fälligen Ausgleichsbeträge regelmäßig überwiesen, doch hat die DDR noch jedesmal höhere Beträge errechnet. So wurden für 1967 von Ost-Berlin 52 Millionen Mark gefordert, von Bonn aber nur 16,9 Millionen Mark anerkannt.