Von Hansjakob Stehle

Budapest, im April

Unverdrossen betätigte sich Walter Ulbricht auch beim ungarischen Nationaljubiläum am letzten Wochenende vor allem als Propagandist seiner eigenen Sache. Da sah man ihn beim abendlichen Festbankett in Budapest rüstig von einer Gesprächsrunde zur anderen schreiten, unbekümmert um die Kühle, die ihm da und dort – verpackt in kameradschaftliche Floskeln – begegnete.

So eilig es Parteichef Breschnjew zu haben schien, der noch am gleichen Abend im Salonwagen (mit vorsorglich vorgespanntem Leerzug) die ungarische Hauptstadt wieder verließ, der SED-Chef nahm sich Zeit, um für seine von der Bonner Entspannungsoffensive so bedrängte DDR zu werben. Den seltsamen Eindruck, den er am Vortag seiner Festrede vor dem ungarischen Parlament hinterlassen hatte, konnte Ulbricht freilich kaum mehr verwischen. Seit den Büdapester Reden vom 3. April ist es aktenkundig: Im Gegensatz zur sowjetischen, ungarischen, polnischen, tschechoslowakischen, rumänischen und bulgarischen Führung vertritt allein der Staatschef der DDR die Meinung, daß "nach den jüngsten Erfahrungen" (also auch jenen von Erfurt) nach wie vor die Bundesrepublik "Hauptherd der Kriegsgefahr in Europa ist".

Dabei hatten die ungarischen Gastgeber gerade das am wenigsten hören wollen. Sie hatten sich vorgenommen, den Tag, an dem vor 25 Jahren der letzte Soldat Hitlers den Boden des Landes verlassen hatte, als Volksfest in einer Zeit friedlicher Perspektiven zu feiern. Parteichef Janos Kadar hatte sich allerdings nicht gescheut, die wunden Punkte der innerkommunistischen Diskussion zu berühren, indem er Erinnerungen an die stalinistische Epoche auffrischte: Die "sektiererische und rechtsgerichtete" Politik der damaligen ungarischen Führung habe eine tiefe Krise und schließlich den Aufstand von 1956 heraufbeschworen; auch heute müsse man verhindern, daß der Marxismus-Leninismus "zu Dogmen verknöchert".

Die internationalen Gemeinsamkeiten mit den nationalen Eigenheiten zu koordinieren – das sei heute das "entscheidende Problem" der Kommunisten, sagte Kadar. Freilich müßten dabei "die Gegebenheiten des Landes unbedingt in Betracht gezogen werden ..." Tat aber eben dies nicht auch Ulbricht, als er das kleine Gipfeltreffen von Budapest dazu benutzte, um den verbündeten Genossen, von denen manche mit Bonn im Gespräch sind, den ganzen Katalog der DDR-Forderungen ins Gedächtnis zu rufen?

"Wir stellen unseren Verhandlungspartnern keine Vorbedingungen", sagte der polnische Ministerpräsident Cyrankiewicz. Der sowjetische Parteichef Breschnjew verlor in seiner Budapester Festrede kein polemisches Wort über die Bundesrepublik; selbst seine Verbeugung vor der DDR wirkte ungewöhnlich knapp, als er die Anerkennung der "Nachkriegsrealitäten" verlangte: "Natürlich betrifft das auch den Respekt für die Souveränität der DDR." Zugleich jedoch schien Breschnjew, indem er seine berüchtigte Doktrin aufwärmte, zum erstenmal nicht nur auf Ketzereien wie diejenigen Rumäniens zu zielen: "Kein nationales Interesse des einzelnen sozialistischen Landes darf auf Kosten der internationalen Interessen des Sozialismus zur Geltung kommen."