Von Ferdinand Ranft

Offenbar haben Jugendreisen hierzulande kein besonders gutes Image. Viele junge Leute verbinden damit immer noch recht altmodische Klischeevorstellungen von Rucksack und Klampfe, Frühsport und Abendandacht, Volkstanz, Marschgesang und Lagerfeuer. Wer Spaß an diesen Dingen hat, kann zwar auch heutzutage immer noch Gleichgesinnte finden und so seinen Urlaub verbringen, die Mehrzahl der jungen Leute und mit ihnen die Veranstalter von Jugendreisen haben sich freilich längst ganz anderen Urlaubsidealen zugewandt: Badeferien an südlichen Sonnenküsten, Hobby-Urlaub, internationalen Treffen, Feriensprachkursen, Reiterferien oder Fernreisen nach Japan, Kuba oder Amerika.

Doch trotz eines zeitgemäßen und attraktiven Angebots bleiben die Teilnehmerzahlen der Jugendreisebüros erstaunlich niedrig. Rund zehn Millionen junge Leute im Alter zwischen 18 und 30 Jahren leben in der Bundesrepublik. Sechzig Prozent von ihnen – so ermittelte eine neuere Umfrage – verreisen alljährlich: also rund sechs Millionen. Mit den 18 größeren Veranstaltern von Jugendreisen gingen 1969 aber nur rund 250 000 junge Leute in die Ferien. Noch einmal 200 000 bedienten sich der verbilligten Jugendsonderzüge und der Schüler-und-Studenten-Flüge. Wer will, mag noch die 100 000 jungen Leute dazuzählen, die außerdem an Veranstaltungen des Deutsch-Französischen Jugendwerks teilnahmen. Das ist nicht viel, besonders wenn man damit die Zahlen der großen Reiseveranstalter vergleicht.

Die Jugendreisebüros haben dafür freilich eine Erklärung zur Hand: Die meisten von ihnen sind gemeinnützig – dürfen also keine Gewinne erzielen und genießen gewisse Steuerprivilegien –, aber sie dürfen deshalb auch nicht werben. Was auf der anderen Seite eine attraktive Werbung auszurichten vermag, exerzierte eines der kommerziellen Jugendreisebüros, Paneuropa, vor. Im Jahre 1969 wurde die Teilnehmerzahl um 100 Prozent, von 22 000 auf 44 000, gesteigert..

Anders als im politischen Raum sehen die jungen Leute im Urlaub ihr Vorbild immer noch in der Welt der Erwachsenen. Der Drang zum Komfort ist unübersehbar, das Abenteuer lockt nur wenige Individualisten. Schlager dieses Jahres sind zweifellos die Reisen zur Weltausstellung nach Osaka, bei denen allerdings nur noch wenige Plätze frei sind (16 Tage für 1698 Mark), und zur Fußballweltmeisterschaft nach Mexiko (23 Tage 1595 Mark).

Eine weitere Attraktion sind die diesjährigen Amerika-Reisen (siehe „Amerika für schmale Brieftaschen“, Seite 55). Für nicht viel mehr als 500 Mark können Gruppen von mindestens 15 jungen Leuten nach den USA (und zurück) liegen, Einzelflugtickets gibt’s schon ab 615 Mark. Die Quartierfrage ist für Jugendliche, Schüler und Studenten ohnehin kaum ein Problem. In den Jugendherbergen, den YMCA-Hotels und vielen Studentenwohnheimen findet man bereits ab sechs Mark ein Bett.

Wer viel Zeit hat – drei Monate – und über sehr gute englische Sprachkenntnisse verfügt, kann sich seine Amerika-Reise in den Staaten sogar selbst verdienen. Zunächst muß man allerdings an die Deutsche Gesellschaft für internatioholen Jugendaustausch 2100 Mark bezahlen. Dafür erhält man das Flugbillett nach den USA und ist Teilnehmer an einem dreitägigen Einführungsseminar in New York. Für die achtwöchige Ferienarbeit, die sich anschließt, erhält man 1000 Dollar. Zur Erholung können sich die Teilnehmer anschließend auf einer 14tägigen Rundreise ein wenig in den USA umsehen, weitere 14 Tage stehen zur freien Verfügung, ehe der Rückflug angetreten wird.