Von François Bondy

Während Samuel Beckett den Nobelpreis erhielt und Eugène Ionesco in die französische Akademie gewählt wurde, schleppte Arthur Adamov, auch ein „Fremder“ des Pariser „Neuen Theaters“, seine Nervenleiden durch stets dieselben Cafés und Clubs um St. Germain des Prés. Jetzt hat er sich das Leben genommen, das er als eine Last empfand und das er, der aus reichem Haus stammende Kaukasier, bis zuletzt nur mühsam gefristet hatte. Durch ein Erinnerungsbuch „Der Mann und das Kind“ war er zuletzt stärker präsent als mit seinen späten Stücken, doch bleibt er mit seinem Theater der frühen Fünfzigerjahre einer der großen Anreger und auch Verwirklicher einer neuen Thematik und eines neuen Stils.

Jean Vauthier hatte seit Jahren für seine freilich überdimensionalen Werke keine Bühne gefunden, ihn hat ursprünglich Jean Louis Barrault entdeckt und gefördert. Er blieb mit seinem „Bada“ – eine Figur des unschöpferischen Dichters, die so durch sein Werk geht wie „Ubu“ durch jenes von Jarry – eine „geheime Berühmtheit“. Marianne Kesting hat ihn schon in die erste Ausgabe ihres „Panoramas des zeitgenössischen Theaters“ aufgenommen und bemerkt, daß sich seine Figuren „aus den veralteten Gesten einer barocken und romantischen Theatertradition zusammensetzten“ – „Rahmen um ein Bild, das nie gemalt wird“. Das „Bild“ für sein neues Stück hat Vauthier sich diesmal aus dem elisabethanischen Theater geholt, aus einem Stück von Tourneur. Es geht hier um Hofintrigen, Morde und Vergewaltigungen (in dieser Reihenfolge), und der Titel „Le sang“ („Das Blut“) ist diesem von unstillbarem Rachedurst motivierten Geschehen adäquat. Aus der Figur Angelo hat Vauthier zugleich wiederum seinen „Bada“ gemacht – er handelt, kommentiert und zerstört sein Tun und steht in ständigem Gespräch mit dem Geschehen selber. Es entstand eine Kolossalburleske, die dreieinhalb Stunden dauert und in Lyon in Marcel Maréchal den Regisseur und Hauptdarsteller fand. Was als Ereignis im Lyoner „Théâtre du Huitième“ von der Pariser Kritik hoch gerühmt wurde, kam in Paris im „Théâtre de France“ nicht ganz so gut an. Maréchal selber ist zwar ein starkes Temperament, arbeitet jedoch mit wenigen stets wiederholten Effekten und Gesten; die farcenhafte Umstülpung eines Schauerdramas, wo schließlich der Herzog von vier Lanzen durchbohrt noch über die Bühne stolziert, wirkt als ein recht langer Spaß. Wie immer, wenn sich die Schauspieler gar zu sichtbar amüsieren, unterhält sich das Publikum nicht ganz so gut. Als Niederschrift entspricht Vauthiers Stück der doppelten Länge und ist damit ein erstaunliches Traumtheater, aus dem sich vielleicht anderes machen ließe als das, was hier, mit Jean Vauthiers eigener Mitwirkung, daraus gemacht wurde.

Roger Planchons „Zerstückelung des Cid von Corneille im „Montparnasse-Baty“ ist zu Recht so hoch gelobt worden, daß seine neueste Darbietung „L’Infâme“ von vornherein auf Interesse rechnen durfte. Es geht hier um das berühmte Verbrechen des „Pfarrers von Uruffe“, das Planchon, den einstigen Seminaristen, gereizt hat. Jener dämonische Pfarrer hatte allerlei Ausschweifungen begangen, ohne seine gewaltige Autorität über ein ganzes Dorf zu verlieren, und schließlich ein von ihm geschwängertes Mädchen umgebracht, dann ihres Kindes entbunden, dieses getauft und erdrosselt. Daß einem so außerordentlichen Verbrechen viele dokumentarische und auch romanhafte Bücher gewidmet worden sind, versteht sich von selbst. Planchon jedoch hat sich diesmal verrannt, vor allem, weil er zwar ein großer Regisseur ist, aber kein Autor, und weil er sich zugetraut hat, dieses Stück selber schreiben zu können. So entstand nur „Kapellmeistermusik“, konventionell ernstes Theater – übrigens mit Priestern in Phantasiesoutanen – mit aktualisierenden Ausfällen gegen das Zölibat. Ein scheinbar unheimlich spannender Stoff wurde nicht schockierend, sondern langweilig und deklamatorisch dargeboten. Offenbar ist ein „umfunktionierbarer“ Fundus an Theater notwendig, um modernes „Regisseurtheater“ zu machen. „Le sang“ mit allen seinen Schwächen lebt ganz anders als dieses „lebensechte Dokument“.

Das „Théâtre National Populaire“ spielt Gombrowiczs figurenreiche „Operette“ in seiner kleinen Werkbühne und Strindbergs Kammerspiel „Totentanz“ auf der größten Bühne von Paris. Claude Regy, an Pirandello und neuen Englandern bewährt, hat daneben gegriffen, indem er Alain Cuny und Maria Casares reines und altmodisches Startheater machen läßt. August Strindberg ist einer der großen Anreger für die Dramen von Sartre, Adamov und manchen anderen Franzosen. Um so seltsamer, daß – soweit ich mich erinnern kann – in Paris nie eine „große“ Strindberg-Aufführung gelungen ist.

Der Argentinier Copi, berühmt durch seine Zeichnungsserie der sitzenden Frau, hat schon sein zweites Stück geschrieben: „Evita Peron“, im „Théâtre de l’Epee de bois“ gespielt, das auch Grotowski beherbergt hat. Die Diktatorin von Buenos Aires wird von einem Transvestiten, Facundo Bona, gespielt, gewagt dekolletiert und mit rauher Stimme. Unlängst brachen Rowdys in das schwach besuchte Theater ein und mißhandelten Schauspieler und Zuschauer. Es war diesmal nicht die sittlich entrüstete Heilsarmee – wie bei „Hair“ –, die übrigens doch friedlicher protestiert, sondern die faschistische Gruppe „Occident“, für die auch der Peronismus zu den heiligsten Gütern gehört oder für die vielmehr jeder Anlaß recht, ist, mit dem sie von sich reden machen kann.

Zwei auf verschiedene Art bedeutende Filme: Aus allerlei sorgsam zusammengesuchten Dokumentarstreifen hat Henri de Turenne, ein bekannter Reporter, ein Porträt des Jahres 1936 – Volksfront, Spanienkrieg – komponiert „36, Le grand tournant“‚ worin vor allem die friedliche und heitere Atmosphäre des großen Volksaufstandes oder vielmehr Sitzstreiks, mit dem Frankreich zuerst ein halbwegs moderner Sozialstaat wurde, vorzüglich sicht- und spürbar wird. Der Rednerstil des Volksfrontführers Léon Blum – er ist vor eben 20 Jahren gestorben – wirkt bereits sehr historisch, die direkte Aufforderung von Charles Maurras zu seiner Ermordung und die auf ihn verübten Attentate erinnern daran, welch unbändigen Haß ein gewaltloser „Reformist“ damals auf sich ziehen konnte. Von Jean François Revel nüchtern kommentiert, ist das ein wichtiger und faszinierender Film.