Von Ernst Weisenfeld

Paris, im April

Frankreich macht sich wenig Hoffnung, daß sein Vorschlag für Indochina-Verhandlungen – um diese Region in eine Zone der Neutralität und des Friedens überzuleiten – bald Erfolg haben wird. Die internationale Reaktion erweckt nicht den Eindruck, als sei die Zeit reif, um, wie es Frankreich wünscht, die Grundlagen für einen unteilbaren Frieden zu suchen und zu garantieren.

Präsident Nixon hat Pompidou zwar wissen lassen, daß er diese Anstrengungen unterstütze, „vorausgesetzt, daß die anderen Großmächte ihnen ebenfalls zustimmen“. Aber das amtliche Paris hat den Eindruck, daß Nixon damit den anderen Partnern eher ein „Nein“ als ein „Ja“ zuschieben möchte, denn schon die von Paris für notwendig erachtete Teilnahme Pekings wirft für Washington ein großes Problem auf. Die französische Regierung hat dennoch diesen einstweilen aussichtslos erscheinenden Versuch unternommen, weil sie an eine langfristige Wirkung ihres Appells glaubt und davon ausgeht, daß es auf allen Seiten genügend starke Kräfte gibt, die vor der Ausweitung des Krieges in Indochina zurückschrecken.

Die Entwicklung in Kambodscha hat die französische Initiative ausgelöst. Sie wurde durch keinerlei Sondierungen vorbereitet, wohl aber durch eine Reihe diplomatischer Schritte ergänzt: Die Regierung in Hanoi wurde gewarnt, den politischen Nachteil, den sie durch die Entfernung des Prinzen Norodom Sihanouk in Phnom Penn erlitten hat, durch einen verstärkten militärischen Einsatz auszugleichen; die neue Regierung in Phnom Penh wurde darauf aufmerksam gemacht, daß Frankreichs technische und kulturelle Hilfe unter der Voraussetzung einer Neutralität Kambodschas gewährt worden sei; der französische Botschafter in Peking suchte Sihanouk in seinem Exil auf und empfahl ihm größte Vorsicht bei seinen weiteren politischen Schritten.

Warum Frankreich gerade jetzt in feierlicher Weise seinen Neutralitätsappell verkündete, liegt auf der Hand: Mit dem Ringen um das Regime in Kambodscha drohen die Konflikte in Südostasien wieder das Ausmaß des von Frankreich vor fünfzehn Jahren verlorenen Indochina-Krieges anzunehmen. Als letzte Macht hatte Frankreich die Verantwortung für die ganze Halbinsel zu tragen, und es ruft nun allen an Indochina interessierten Staaten die unvergleichliche Erfahrung in Erinnerung, deretwegen es sich noch immer als Ratgeber legitimiert fühlt. In Fernost wie in Nahost beruht der Anspruch auf die weltpolitische Rolle, die Paris spielen möchte, auf seinen alten Verbindungen zu diesen Ländern.

Bei Kambodscha kommt hinzu, daß sich dort nach wie vor 300 bis 400 Franzosen als militärische Ratgeber aufhalten. Frankreich möchte sie dort belassen, solange die Streitkräfte Kambodschas nicht für einen Bürgerkrieg eingesetzt werden. Frankreich mußte aber gegenüber Hanoi und dem Vietcong klarstellen, daß es mit seiner militärischen Beraterfunktion nicht Partei ergreifen will.