Wenn es nach den Vorstellungen Moskaus ginge, dann würden die Völker dieser Erde dem 22. April entgegenfiebern wie einer Offenbarung, wie einem allen Schwachen und Unterdrückten Erlösung verheißenden Datum.

Lenin, der an jenem Tag vor 100 Jahren geboren wurde, hat in der Tat keinen geringen Anteil an den Wandlungen der Welt während der letzten 50 Jahre. Die heutigen Sowjetführer nehmen für sich in Anspruch, nach den Entartungen der Stalin-Ära die sozialistische Gesetzlichkeit wiederhergestellt und damit auch das Verdienst erworben zu haben, das Erbe Lenins getreu zu verwalten.

Der skeptischen Umwelt, die sich den Kopf über angebliche Machtkämpfe im Kreml zerbricht, würde es leichter fallen, den Lobpreisungen zu Lenins Jahrestag über die moralische Stärke der Sowjetgesellschaft Glauben zu schenken, wenn diese die besorgten Kritiker ihrer Gesellschaft in Freiheit und nicht in Gefängnissen und Straflagern wüßte.

Alarmierend ist der Zustand Grigorenkos, des ehemaligen, jetzt zum Irren gestempelten Generals. Schwer krank ist der Schriftsteller Anatolij Martschenko, der sich seit 1968 im Lager befindet. Jurij Galanskow, ein 1968 zu sieben Jahren verurteilter junger Intellektueller, leidet an Magengeschwüren. Daniel Ginsburg, Larissa Boworaz – sie und viele ihrer Gefährten haben nicht verdient, was ihnen die Parteijustiz zugemessen hat, nur weil sie unbequem waren.

Wäre nicht der Gedenktag Lenins, der gesagt hat: "Jeder hat die Freiheit zu schreiben und zu reden, was ihm behagt", der geeignete Anlaß für eine Amnestie? Wer angeblich so stark ist, sollte doch wohl einige Kritiker und Mahner tolerieren können. Ulrich Schiller