Von Dietrich Strothmann

Norman Cohn: "Die Protokolle der Weisen von Zion"; aus dem Englischen von Karl Römer; Kiepenheuer und Witsch, Köln 1969; 391 Seiten, 28,– DM.

Pessimismus klingt an, Zweifel stellen sich ein im Schlußabsatz dieses Buches: "Die Geschichte der ,Protokolle‘ erzählen heißt berichten, wie im Europa des 20. Jahrhunderts eine wahnhafte Weltanschauung, basierend auf infantilen Furcht- und Haßgefühlen, in unvorstellbaren Foltern und Massenmorden Wirklichkeit gewinnen konnte. Es ist die Geschichte eines Falls aus der kollektiven Psychopathologie, dessen Wurzelgeflecht über den Antisemitismus und das Schicksal der Juden weit hinausreicht. Ist es ein utopischer Gedanke, daß in dem Maße, wie wir dieses Geflecht aufdecken, unsere Chancen wachsen, ähnliche Verirrungen künftig zu erkennen, einzudämmen, vielleicht gar zu verhindern?"

Zum Schluß also eine Frage, nach 344 Seilen kühler, sorgfältiger, überzeugender Analyse. Der Rest, das Resümee ist Skepsis, bange Hoffnung, ungewisse Erwartung: Wird es endlich ein Ende haben mit dem Judenhaß, der nichts anderes ist als Menschenverachtung?

Wohl nicht, wohl kaum nach einer jahrhundertealten Kreuzzugspropaganda, an der sich Kirchen, Regierungen, Literaten, Polizeibehörden, Rassenforscher beteiligt haben; auch nicht nach den Folgen, die all ihre Hetze dann in diesem Jahrhundert in dem furchtbarsten Pogrom hatte; und sicher nicht nach dem Krieg vom Juni 1967 im Nahen Osten: die stupide, bedrohliche Diskriminierung der Juden lebt fort, wuchert weiter unter welchem Namen auch immer, ob als Antisemitismus, als Antizionismus oder als Anti-Israelismus. Kein Kraut scheint, seit die Juden vor zweitausend Jahren in die Zerstreuung getrieben und seit zwanzig Jahren wieder ihren eigenen Staat haben, dagegen gewachsen zu sein. Der Antisemit lebt in vielen von uns, in zu vielen, auch wenn nicht in seiner elendesten, abartigsten Form. Das Vorurteil, Juden seien anders als andere, ist unausrottbar.

Nicht einmal die "Protokolle der Weisen von Zion", seit 1921 gerichtsnotorisch als plumpe Fälschung entlarvt, sind auf dem Kehrichthaufen der Geschichte vermodert. Es gibt sie noch immer, sie werden noch heute für bare Münze genommen. Warum und zu welchem Zweck, hat der britische Psychologie-Professor Norman Cohn in seiner 1966 abgeschlossenen Untersuchung leider nicht geprüft – ein Mangel, wenngleich der einzige; er erwähnt, lediglich am Rande, daß zum Beispiel noch 1963 in Madrid eine Ausgabe der "Protokolle" samt Kommentar erschienen sei. Welche verhängnisvolle Rolle indessen dieses Propagandaprodukt zur Zeit in manchen arabischen und totalitären Staaten spielt, läßt er außer acht.

Dieses Kapitel moderner Psychopathologie, in Panzer der Weltanschauung und der Eroberungsstrategie, ist noch längst nicht abgeschlossen. Es findet frische Fälle: Israel muß vernichtet werden – Israel, der Agent des amerikanischen Imperialismus – Israel, die Agentur der jüdischen Bankiers von New York und Paris – Israel, die Bastion der jüdischen Weltherrschaft. Der Haß frißt sich weiter. Er sitzt zu tief, um ihn als Neurose zu kurieren, ein für allemal; er ist zu wirksam, um ihn zu verleugnen oder lächerlich zu finden.