Von Isaac Bashevis Singer

Viele meiner Leser scheinen überrascht, daß ich auf meine alten Tage angefangen habe, für Kinder zu schreiben. Denn meist taucht der Wunsch dazu schon auf, wenn der Autor selbst noch jung ist und seine eigene Kindheit noch nicht allzuweit zurückliegt. Mich brachte eine tiefe Enttäuschung über die literarische Atmosphäre unserer Epoche dazu.

Ich habe mich davon überzeugt, daß die Erwachsenenliteratur, besonders der Roman, immer schlechter wird und an Substanz verliert, während die Kinderliteratur an Qualität und Format gewinnt. Das Kind, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nichts als ein passiver und unkritischer Zuhörer von Geschichten, die müde Mütter und Kindermädchen an seinem Bett improvisierten, ist in unserer Zeit zum Konsumenten einer großen und wachsenden Literatur geworden – ein Leser, dem man mit literarischen Maschen und nichtssagenden Experimenten nichts vormachen kann. Kein Autor kann sich die Aufmerksamkeit eines Kindes mit falscher Originalität, literarischen Wortspielen und Rätseln, einer willkürlich verzerrten Gegenstandswelt oder unausgegorenen inneren Monologen erschleichen, die häufig nichts anderes verraten als die langweilige und selbstbezogene Persönlichkeit eines Autors. Ich habe mich den Kindern zugewandt, weil ich in ihnen die letzte Zuflucht vor einer Literatur sehe, die Amok läuft und reif für den Selbstmord ist.

Man braucht kein Pessimist oder professioneller Schwarzseher zu sein, um zu merken, daß es im Vergleich zur Literatur des 19. Jahrhunderts mit unserer Literatur bergab geht. Das 19. Jahrhundert war eine Epoche von literarischen Giganten. Man könnte ganze Seiten mit ihren illustren Namen füllen. Heute haben wir keinen einzigen Autor, der sich mit diesen literarischen Genies vergleichen ließe, eine Behauptung, die, glaube ich, keiner weiteren Ausführungen bedarf. Ich kenne keinen ernstzunehmenden Literaturkritiker, der glaubt, daß wir in unserem Jahrhundert einen Tolstoi oder Dostojewskij, Gogol, Tschechow, Flaubert, ja, nicht einmal einen Dickens, Maupassant oder Edgar Allan Poe haben. Die besten Werke einer ganzen Reihe von großen Schriftstellern, die bis ins 20. Jahrhundert hinein gelebt haben – wie Hamsun, Strindberg und andere – sind frühe und nicht späte Arbeiten.

Ich möchte bei der Frage verweilen: Warum und inwiefern hat unsere Epoche versagt? Selbst wenn wir auf Grund irgendeiner biologischen Kaprice nur noch Zwerge produzieren, warum sollten sie nicht auf den Schultern von Giganten stehen können?

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es für den Epiker und in gewissem Sinne auch für den Lyriker und Dramatiker beinahe eine selbstverständliche Voraussetzung, daß es seine Hauptaufgabe sei, eine Geschichte zu erzählen. Erwachsene wie Kinder wollen eine Geschichte.

Die Geschichte hat viele Funktionen. Wie die Historie erlaubt sie der Zeit nicht, zu vergehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Sie ruft im Zuhörer oder im Leser eine besondere Art der Spannung hervor, die für den Geist unentbehrlich ist. Sie beschreibt das Individuum, das Einmalige, das nicht nur Zweckdienliche, das Unvergleichliche und alles, was sich deshalb der Verallgemeinerung entzieht. Eine echte Geschichte ist voller Überraschungen. Wie im menschlichen Leben kann man das Ende mit allen seinen Variationen niemals voraussehen. Autoren des 19. und früherer Jahrhunderte schämten sich nicht, Unterhalter im besten Sinne des Wortes zu sein, denn sie wußten den hohen Wert der Unterhaltung zu schätzen. Sie wußten, daß das Leben ohne die Kunst schwer und häufig untragbar ist. Viele Selbstmorde werden begangen, weil das Leben langweilig und aller Überraschungen bar ist. Homer und Cervantes schrieben ihre Werke, um die Menschen ihrer Zeit zu unterhalten, und deshalb ist es ihnen auch gelungen, ihre eigene und alle späteren Generationen zu belehren.