Von Egon Kaskeline

Zehn Jahre sind genug!“ haben die französischen Studenten in den stürmischen Maitagen von 1968 gerufen. Sie haben entscheidend zum Ende des de Gaulleschen Dezenniums beigetragen.

Es ist aber einigermaßen überraschend, heute den gleichen Satz in dem doch gewiß „staatserhaltenden“ Organ der französischen Schwerindustrie L’Usine Nouvelle zu lesen. Das Sprachrohr der französischen Patrons, wie man die Unternehmer in Frankreich bezeichnenderweise nennt, zieht heute energisch gegen die Wirtschaftspolitik der V. Republik vom Leder: „Frankreich muß durch eine kühne Entwicklungspolitik den industriellen Rückstand aufholen, für den in erster Linie die von der Regierung geförderte Stagnation der Jahre 1963 bis 1968, der Zeit des Stabilisierungsplans, verantwortlich ist.“

Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Die französischen Unternehmer, deren vorsichtiger Konservatismus sprichwörtlich war, setzen sich heute für eine „Wirtschaftsexpansion im japanischen Stil“ ein. Giscard d’Estaings Sanierungsplan, der eine schrittweise Erholung vorsieht, hat nirgends härtere Kritiker gefunden als bei den französischen Industriellen.

Hier liegt der Kernpunkt im Streit um die Wachstumsrate im VI. Wirtschaftsplan, der die Periode 1971 bis 1975 überspannen soll. Giscard und seine Mitarbeiter glauben, daß ein jährliches Wachstum des Sozialprodukts von 5,5, maximal 6 Prozent bereits außerordentliche Leistungen von der Wirtschaft fordern wird. „Bei einem solchen Entwicklungsrhythmus“, erklärt der Wirtschafts- und Finanzminister in einem Interview mit der Zeitschrift Paris-Match, „werden wir bereits ein neues französisches Wirtschaftswunder schaffen.“ Jede darüber hinausgehende Forcierung des Wachstumstempos muß, nach Ansicht der Regierungsplaner, zu inflationären Störungen führen.

Führende französische Industrielle glauben aber, die Wachstumsrate auf 7 bis 8 Prozent heraufschrauben zu können, wenn die Regierung die künstlichen Wachstumshemmnisse wie Preisbindungen und Kreditbeschränkungen beseitigt. Ein Vertreter dieser Kreise, der Generaldirektor der führenden Gesellschaft für Elektronik Compagnie Generale d’Electricité Ambroise Roux, hat in seinem Referat auf der diesjährigen Generalversammlung des französischen Arbeitgeberverbandes, des Conseil National du Patronat Français, den Rückstand der französischen Wirtschaft in düsteren Farben geschildert: „Der Fortschritt der Industrie ist die Grundlage allen wirtschaftlichen Fortschrittes. Aber die Industrie trägt heute in Frankreich nur 47 Prozent zum Sozialprodukt bei, gegenüber 53 Prozent in der Bundesrepublik. Sie beschäftigt nur 41 Prozent der Bevölkerung, gegen 49 Prozent auf der anderen Seite des Rheins. Der Wert der deutschen Industrieproduktion ist auch mindestens um 40 Prozent höher als der der französischen. Frankreich steht im Export industrieller Fertigwaren weit hinter anderen Industrieländern zurück. Mit einer jährlichen Wachstumsrate von 8 Prozent für die Industrieproduktion und 6,5 Prozent für das Sozialprodukt kann Frankreich hoffen, den Rückstand aufzuholen und im internationalen Wettbewerb besser abzuschneiden.“

Was hat die französischen Patrons, einst „die sanften Lämmer“ des wirtschaftlichen Konservativismus und Protektionismus, in die „reißenden Wölfe“ extremer Wirtschaftsexpansion verwandelt? In erster Linie wohl die überraschend große Anpassungsfähigkeit, die die französische Industrie nach, den Mai-Unruhen 1968 bewiesen hat.