Von Marcel Reich-Ranicki

Philip Roth wird bei uns meist zusammen mit Saul Bellow und Bernard Malamud, Jerome D. Salinger und Norman Mailer genannt. Denn auch er ist ein amerikanischer Jude, dessen Eltern einst aus Osteuropa eingewandert sind, auch seine Prosa zielt auf eine direkte und möglichst scharfe Gesellschaftskritik ab, auch in seinen Romanen und Erzählungen spielen jüdische Figuren und Motive eine sehr große Rolle.

Alle diese Autoren haben erkannt, daß die jüdische Minorität in den USA als literarisches Thema besonders ergiebig ist, weil sie sich zur Zeit in einer Übergangsperiode befindet: In ihrer Mehrheit sind die Juden Amerikas zwar längst emanzipiert, aber noch nicht integriert. Noch haben sie die vielen Eigentümlichkeiten, die sie von der Umwelt abheben, nicht eingebüßt, und schon geraten sie in Situationen, die typisch sind für die Epoche schlechthin. Noch stehen ihre Leiden und Konflikte in unmittelbarem und unverkennbarem Zusammenhang mit ihrer Herkunft, und schon haben sie eine allgemeine und geradezu exemplarische Bedeutung gewonnen.

In einem Brief vom Jahre 1921 definiert Thomas Mann sein, wenn man so sagen darf, literarisch-handwerkliches Verhältnis zum Judentum: Einerseits sehe er in ihm „eine pittoreske Tatsache, geeignet, die Farbigkeit der Welt zu erhöhen“, andererseits aber auch „eines jener Symbole der Ausnahme und Erschwerung, nach denen man mich als Dichter des öfteren auf der Suche fand“.

Das trifft genau eines der entscheidenden Merkmale der jüdisch-amerikanischen Prosa der fünfziger und sechziger Jahre: Diese Schriftsteller beziehen aus dem Leben der jüdischen Minorität expressive Details und Nuancen, konkrete Milieus, Kolorit und Atmosphäre und nützen zugleich die Chance, die markantesten Vertreter dieser Minorität als „Symbole der Ausnahme und Erschwerung“ im weitesten, also über alles Jüdische und Amerikanische hinausgehenden Sinne zu präsentieren oder auch zu stilisieren. Saul Bellows Professor Moses Herzog, der, wie einst ein deutscher Intellektueller, erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, und zugleich nach dem Strumpfband eines Mädchens schmachtet, ist ja nur ein Beispiel für viele.

Was aber Philip Roth von den hier genannten Autoren unterscheidet, ist zunächst einmal sein Alter. Zehn bis zwanzig Jahre jünger als jene anderen, hat er mit ihnen, sieht man genauer hin, nun doch nicht viel mehr gemein als etwa Uwe Johnson, Hubert Fichte oder Günter Herburger mit Böll, Andersch und Schnurre.

Er ist vor allem ungleich robuster und primitiver als seine Vorgänger. Salingers Charme und Tristesse, Bellows Intellektualität und Sensitivität, Malamuds Schwermut und authentische Naivität, Mailers leidender Moralismus – das alles wird man in Roths Prosa vergeblich suchen. Gewiß, auch er hat seine Skrupel und Hemmungen. Aber er kennt keine Skrupel und Hemmungen, sie zu zeigen.

Seine frühen, um 1960 entstandenen und übrigens auch deutsch erschienen Bücher – der Prosaband „Goodbye, Columbus“ und der Roman „Anderer Leute Sorgen“ – ließen keinen Zweifel daran, daß er fest entschlossen war, das amerikanische Publikum zu verblüffen und aufzuschrecken.

Es sind in der Tat harte und bittere Bücher, die niemanden schonen, am wenigsten ihre zentralen Gestalten. Doch machte Roths Härte bisweilen den Eindruck einer modischen Pflichtleistung; und seine Bitterkeit und Schonungslosigkeit erinnerten auf etwas fatale Weise daran, daß diese Attribute immer schon zum Habitus der professionellen Satiriker gehörten.

Radikal und routiniert – diese Kombination, die schon die ersten Versuche Roths geprägt hatte, mag nicht sonderlich sympathisch sein, aber jenen, die Bestseller schreiben oder managen wollen, ist sie nach wie vor zu empfehlen. Auf eine solche Mischung kann man sich stets verlassen, nicht nur auf dem amerikanischen Buchmarkt. Radikal und routiniert ist auch Roths neuer Bestseller –

Philip Roth: „Portnoys Beschwerden“ (Originaltitel: „Portnoy’s Complaint“), Roman, aus dem Amerikanischen von Kai Molvig; Rowohlt Verlag, Reinbek; 253 S., 25,– DM.

Die Umrisse der Geschichte des Juden Alexander Portnoy, eines dreiunddreißig Jahre alten Juristen, der einen höheren Posten in der Stadtverwaltung von New York bekleidet, sind denkbar banal. Sowenig jedoch die einzelnen Etappen dieses Lebenslaufes von der Norm abweichen, so exorbitant ist das, worauf Philip Roths Roman beharrlich abzielt: das psychologische Porträt seines Helden.

Portnoys Charakter, seine Gefühle und Träume, Komplexe und Hemmungen, Wünsche und Befürchtungen bereiten den Lesern kein Kopfzerbrechen; auf Mutmaßungen sind sie niemals angewiesen. Er sagt ihnen alles selber, deutlich und nachdrücklich, in jedem Kapitel und auf jeder Seite des Buches.

Denn was uns hier so mundgerecht vorgesetzt wird, ist Portnoys Klagelied und Beichte auf der Couch eines Psychoanalytikers. Ihm und uns erzählt er also, er stecke voller Haßgefühle und Rachegelüste, sei „lebensunfähig, hysterisch und schwach“, ein „Hypochonder, Melancholiker und Klugschwätzer“, ein Sexbesessener mit „unflätigen Neigungen und dreckigen Begierden“ ein „klägliches Bündel mit Ressentiments“.

Zugleich erklärt Portnoy sehr genau, worauf sein offenbar katastrophaler Zustand zurückzuführen sei – auf den Einfluß der Eltern und des Milieus, dem er entstammt. Die jüdische Erziehung ist es, die an allem schuld sein soll.

Während manchen seiner Vorgänger die Figuren jüdischer Mütter sentimental geraten waren, bedient sich Philip Roth recht drastischer Mittel, um aus Portnoys Mutter nahezu ein Scheusal zu machen, eine überaus geschäftige Frau, deren unentwegte und aufdringliche Fürsorge den Sohn in Wut und Verzweiflung treibt.

Der Vater wiederum, ein fleißiger, aber erfolgloser Versicherungsagent, wird weniger mit dem Haß als mit dem Widerwillen und der Verachtung des Ich-Erzählers bedacht. Da der alte Mann an hartnäckiger Verstopfung leidet – Roth widmet diesem Motiv viel Aufmerksamkeit –, heißt es gelegentlich, die Kotsäule stoße ihm bereits ans Kleinhirn, er sei „ein Körper voll Scheiße, und sonst gar nichts“.

Als Anhänger des angelsächsischen Understatements kann also dieser Romancier schwerlich gelten, Zwischentöne sind seine Sache nicht. So erweisen sich in Portnoys Sicht ausnahmslos alle Phänomene auf dieser Erde entweder als „jüdisch“ oder als „gojisch“. Sein erster Besuch in einem nichtjüdischen Haus gibt Anlaß zu der erstaunten Wahrnehmung: „Junge, jetzt siehst du zum erstenmal eine richtige gojische Klosettschüssel! Authentisch! Wo hinein der Vater deiner Freundin seine gojischen Haufen fallen läßt.“

Aber ob Juden oder Nichtjuden, widerlich sind sie allesamt, wenn auch aus verschiedenen Gründen, Wird die mosaische Religion mit einem derben Haßausbruch bedacht, so das Christentum mit einem auch nicht gerade freundlichen Seitenhieb: Die „gojim“, lesen wir, hätten „einen Glauben, der selbst einen Gorilla beschämen würde“.

Monströs und bizarr ist auch Portnoys Sexualität, deren Schilderung das Buch den Ruf der einzigartigen und gewiß verkaufsfördernden Unanständigkeit verdankt. Die Werbung hat jedoch wieder einmal sehr übertrieben.

Gewiß wird uns oft berichtet, wo und wann Portnoy onaniert. Roth registriert einigermaßen groteske Situationen und nennt die Lokalitäten, die den Hintergrund für die intime Beschäftigung abgeben. Mehr hat er nicht zu bieten, zu seinen stärkeren Effekten verhelfen ihm Vulgärausdrücke, an die man sich, da er sie unentwegt anwendet, schnell gewöhnt. Schließlich sind auch die schlimmsten Wörter aus denselben fünfundzwanzig Buchstaben zusammengesetzt.

Daß Portnoys Masturbation zugleich als Protest gegen seine Umwelt, gegen die „Scheiß-Konventionen“ gemeint ist, macht die Aufzählungen und die flüchtigen Beschreibungen nicht spannender. Ähnlich ist seine fieberhafte Jagd nach den nichtjüdischen Mädchen zu verstehen, vor denen ihn die strenggläubige Familie beschwörend gewarnt hat. Auch bei ihnen, die den schwierigen Kunden gelegentlich als „krummnäsigen Itzig“, „beschissenen Knoblauchfresser“ und „miesen, dreckigen, räudigen Juden“ beschimpfen, wird er nicht glücklich.

Für das Finale hat sich Roth einen überraschenden Kulissenwechsel einfallen lassen. Portnoy fliegt nach Israel, „um aus einem verstörten Flüchtling wieder einen Mann zu machen“. Hier darf er erkennen, wonach er sich im Grunde sehnt: „Ich will keine sexuelle Ausstattungsrevue fürs Leben oder eine Fortsetzung dieser masochistischen Extravaganzen, in denen ich mich auslebte. Nein, ich will Schlichtheit und Unkompliziertheit, ich will Gesundheit...“ Wie man sieht, ist Ernst Wiecherts Traum vom „einfachen Leben“ nicht nur unverwüstlich, sondern auch international.

Zweimal tritt es ihm im Lande der Verheißung entgegen, zunächst in der Gestalt eines israelischen Leutnants weiblichen Geschlechts, dann in der der derben Naomi, die aus einem Kibbuz kommt. Jetzt indes trifft das Schicksal den Helden Roths hart: Er versagt real und symbolisch zugleich.

So bleibt als Zuflucht nur die Couch des Psychoanalytikers, auf der das Ganze erzählt wird. Dieser keineswegs schlechte Einfall ist hier nur ein Trick, der dem Autor das Leben erleichtert. Denn Roth mißbraucht die Erzählsituation, in dieser Prosa nahezu alles zu rechtfertigen: die vielen Kindheits- und Jugenderinnerungen, die plumpen Selbstanklagen und die direkten Selbstcharakteristiken, die exhibitionistischen Enthüllungen, die manisch wiederholten Vulgarismen und die infantilen Obszönitäten, die Unverbindlichkeit zahlreicher Passagen, die Beliebigkeit der Zeitsprünge und schließlich die komplette Formlosigkeit dieses Romans.

Dabei kann Roth schreiben, jedenfalls weit besser, als dies die hier angeführten Beispiele, vermuten lassen. Die scharfen Momentaufnahmen aus dem Alltag einer jüdischen Familie legitimieren ihn als einen Meister der kleinen Beobachtung, und die prägnanten, meist sarkastischen Genrebilder erreichen bisweilen die Qualität düsterer Miniaturidyllen. Auch an Humor fehlt es ihm nicht. Daß sich dieser oft auf die Verdauungssphäre bezieht, mag in den USA, wo man derartiges offenbar für unerhört komisch hält, kein Fehler sein.

Nein, die wesentlichste Ursache der Peinlichkeit dieses Romans und zugleich seines phänomenalen Erfolgs liegt weit jenseits des Handwerklichen. Und nicht darum geht es – das sei mit allem Nachdruck gesagt –, daß hier viel Schlechtes über die Juden zu lesen ist und daß die in der Tat außergewöhnlich aggressive Karikatur eines jüdischen Intellektuellen im Mittelpunkt steht.

Die Juden haben sich seit ihrer Emanzipation nie gescheut, ihre eigene Problematik vor aller Augen auszubreiten und mit maximaler Strenge abzuhandeln; und sie haben sich in der Regel nicht viel darum gekümmert, ob ihnen aus derartigen Abrechnungen und unbarmherzigen Selbstporträts. Schaden erwachsen werde. Nichts banaler auch als die Feststellung, daß die Menschheit den Leiden der Juden an ihrem Judentum und ihrer ausgeprägten, gelegentlich schon masochistischen Neigung zur Selbstkritik viele große Werke verdankt. Aber so gewiß Selbstentblößung und Selbsterniedrigung erschütternde Dimensionen sein können, so rasch können sie bloß degoutant und abstoßend wirken.

Was hat das überhaupt mit „Portnoys Beschwerden“ zu tun, einem mehr oder weniger unterhaltsamen Roman, den man doch nicht überfordern sollte? Sehr viel schon deshalb, weil dieses Buch, so leicht und frivol es sich auch gibt, einen ungeheuerlichen Anspruch erhebt. Die zentrale Stelle lautet: „Warum bin ich, allein in New York auf meinem Bett liegend, immer noch ein hoffnungsloser Onanist? Doktor, wie nennen Sie meine Krankheit? Ist es das jüdische Leiden, von dem ich so viel gehört habe? Haben die Pogrome und Verfolgungen das bei mir bewirkt? Spott, Hohn, Schmähungen und Übergriffe der gojim durch diese zweitausend lieblichen Jahre?“

Was dieser sexbesessene und unaufhörlich plappernde Alexander Portnoy auf der Couch des Psychoanalytikers erzählt, wird von Philip Roth konsequent zur Geschichte des jüdischen Leidens stilisiert; der flotte und kesse Ton tarnt ihre billige Larmoyanz und macht sie bequem konsumierbar. Die rücksichtslose Selbstentblößung dient zu Darbietungen auf kabarettistischer Ebene; die Selbstzerfleischung artikuliert sich als schnodderige Conference, als Bravourstück eines exzessiven Alleinunterhalters; eine Art Passionsgeschichte wird als Alibi mißbraucht – für Anekdoten und Plaudereien, für Seitenhiebe nach verschiedenen Richtungen und, vor allem, für handfeste Sauereien.

Den jüdischen Intellektuellen im heutigen Amerika hat Philip Roth nicht etwa persifliert, sondern zur Witzfigur degradiert. Und jüdische Witze sind ja überall beliebt.

Allein in den USA wurden von diesem Roman innerhalb von knapp vierzehn Monaten nicht weniger als 3,7 Millionen Exemplare verkauft. Die Juden Amerikas finden in dem Buch viele authentische Details und Beobachtungen und amüsieren sich über ihre hier nicht ungeschickt kopierte Redeweise. Nicht nur die unverbesserlichen Antisemiten, sondern vor allem jene unzähligen Leser, denen die Juden bloß auf die Nerven gehen, sehen in der Geschichte Portnoys die Rechtfertigung vieler ihrer Vorurteile. Jene Leser schließlich, denen die Juden vollkommen gleichgültig sind, können sich wenigsten an dem reichlichen Angebot an Ferkeleien ergötzen.

So kann dem Schriftsteller Philip Roth bescheinigt werden, daß er die Kunst, einen Bestseller zu präparieren, perfekt beherrscht.