Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im April

Am Vormittag des 21. Mai wird Willi Stophs Sonderzug, von einer Bundesbahn-Lokomotive neuester Bauart gezogen, in den Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe einrollen. Willy Brandt begrüßt seinen Gast auf dem Bahnsteig. Dann geht es eine Treppe hoch, eine Brücke entlang, die über die Gleise führt, und auf den kleinen Bahnhofsvorplatz, wo sich die Kavalkade der Staatskarossen aufgestellt hat. In raschem, aber keineswegs überhastetem Tempo fährt sie die sanfte Steigung der Wilhelmshöher Allee zum Schloß und Schloßhotel hinauf. Hinter einer Wegbiegung, schon am Park, entschwindet sie den Blicken.

Beiderseits der Strecke stehen Menschen und winken. Es gibt Beifall und „Willy“-Rufe. Das Spalier ist dicht, lichtet sich aber schon nach einigen Reihen. Im Hintergrund werden Spruchbänder hochgehalten, die Gegensätzliches Verlangen: Anerkennung der DDR – keine Anerkennung der DDR. Der Polizeikordon ist der Zahl der Versammelten angemessen. Geübte Augen erkennen freilich auch sehr viele Zivilisten, die dadurch auffallen, daß sie sich möglichst unauffällig benehmen.

So etwa wird, nach den vorliegenden Plänen für den noch sechs Wochen entfernten Donnerstag, das zweite deutsche Gipfeltreffen beginnen. Den Politikern dünken die sechs Wochen noch lang; mit den politischen Vorbereitungen soll erst in der zweiten Aprilhälfte begonnen werden. Jene aber, die mit den technischen und organisatorischen Vorkehrungen zu tun haben, zählen bereits jeden Tag. Ihnen beginnt die Zeit schon knapp zu werden.

Gleichwohl weist der Kasseler Magistrat entrüstet alle Vermutungen zurück, daß man es nicht schaffen werde. Die Stadt ist gerüstet. Zum ersten Male bietet sich Gelegenheit, aus dem Aschenbrödeldasein, der Randlage nahe der Demarkationslinie herauszukommen und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zu ziehen.

Gewiß, den Kunstfreunden ist Kassel durch die „documenta“-Ausstellungen zum Begriff geworden. Sonst aber blieben die Leistungen der Stadt im verborgenen, der Wiederaufbau wie die wachsende Industrialisierung. Kassel führte eine mausgraue Existenz. Um so eifriger antichambrierten in Bonn die Stadtväter und die nordhessische Lobby schon vor dem Erfurter Treffen, als ein Gegenbesuch des DDR-Ministerratsvorsitzenden noch gar nicht sicher war; um so entschlossener wird jetzt die Chance ergriffen, Kassel in das Buch der Tagungs- und Kongreßstädte einzuschreiben. Und ungeachtet aller Skepsis, mit der die Oppositionspolitiker die Bonner Konferenzdiplomatie verfolgen, gilt auch für die örtlichen CDU-Funktionäre der Grundsatz: Kassel first.