Sie wollen ihr altes Baden wiederhaben

Von Nikolas Lang

Mannheim

Wir werden den Bürgern klarmachen, daß wir keine verkalkten Säckel sind, die den Großherzog wiederhaben wollen. Wir möchten ein demokratisches modernes Bundesland am Oberrhein, dessen Formen und Grenzen neu durchdacht werden sollen.

Also sprach Architekt Reinhold Grund, nicht der älteste, aber der prominenteste Alt-Badener, zum Auftakt der baden-württembergischen Landesfehde, die am 7. Juni in den Wahlurnen des alten Landes Baden entschieden werden soll. Rund 2,5 Millionen Wahlberechtigte zwischen Bodensee und Main dürfen wählen, ob sie ihren Lebensabend in dem wirtschaftsstarken Land Baden-Württemberg oder aber in einem mit der Hypothek für fünf Universitäten belasteten und in seiner Infrastruktur noch keineswegs zufriedenstellend ausgestatteten Bundesländchen Baden verbringen wollen.

1954 hatten die Badener zum erstenmal aufbegehrt; 1956 hatte ihnen das Bundesverfassungsgericht das Recht auf einen Volksentscheid zugestanden, weil der Wille der badischen Bevölkerung – so das Bundesverfassungsgericht – bei der Bildung des Südweststaats 1952 aus den zwei französischen Besatzungszonen in Südbaden und Südwürttemberg sowie aus der amerikanischen Besatzungszone in Nordwürttemberg und Nordbaden "durch die Besonderheiten der politischen-geschichtlichen Entwicklung überspielt worden" sei. Dann begann ein jahrelanges Gerangel um den Modus der Abstimmung, ob nur die Badener oder ob auch die Württemberger wählen dürften, ob die Hälfte aller Badener sich für eine Loslösung von Baden-Württemberg aussprechen müsse, oder ob auch das Votum eines Viertels genüge, ob die Landesregierung sich in dem Abstimmungskampf steril oder nur neutral verhalten müsse und so weiter.

Nun liegt das Gesetz des Bundestages vor: "Der Volksentscheid zugunsten einer Wiederherstellung des früheren Landes Baden als selbständiges Land kommt zustande, wenn eine Mehrheit, die mindestens ein Viertel der zum Landtag wahlberechtigten Bevölkerung im Gebietsteil Baden umfaßt, die Frage nach der Wiederherstellung bejaht."

Kein Geringerer als der ehemalige südbadische Wirtschaftsminister und Mitbegründer der südbadischen CDU in Lahr, Eduar Lais, verbürgt sich dafür, daß der CDU-Bundesparteivorsitzende und südbadische Bundestagsabgeordnete aus dem Kreis Waldshut, Kurt Georg Kiesinger, einstmals auf die Frage nach dem Termin für die Baden-Abstimmung geantwortet habe: "Dann, wenn der letzte Alt-Badener gestorben ist." Und deshalb fragte Lais im Januar dieses Jahres seinen Freund Filbinger: "Soll unter deiner Ägide diese erbärmliche Leichenfledderei weiterbetrieben werden?" Wenn die CDU nicht neutral bleibe, dann könne er nur noch "ein Pfui Teufel für seine Partei zum Ausdruck bringen, für die der Begriff Heimat sinnlos geworden ist". Tat’s und trat aus der CDU aus, rund zwei Dutzend badische Unionspolitiker mit ihm.

Sie wollen ihr altes Baden wiederhaben

Dafür beschwor ein anderer Alt-Badener Gottes Beistand, nämlich der ehemalige Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Dr. Föhr, der sich aus seinem Ruhestand aufraffte und entgegen einer Empfehlung seines erzbischöflichen Oberhirten an die hochwürdigen Herren Dekane der katholischen Kirche Badens ein Memento schrieb: "Seit 50 Jahren habe ich die Politik Stuttgarts gegenüber seinen Nachbarn beobachtet. Stuttgart hat stets eine eigennützige Politik betrieben. So war es schon im Weimarer Staat, so war es auch im Südweststaat." Darum müsse Baden wiederhergestellt werden und darum wünschte Föhr seinen lieben Mitbrüdern Gottes Gnade und Segen.

"Für ein modernes neues Bundesland am oberen Rhein" heißt der Schlachtruf des Heimatbundes Badener Land, der am ersten Junisonntag glaubt, die erforderlichen 650 000 bekenntnistreuen Alt-Badener auftreiben zu können. Wenn es bei den Alten nicht reicht, dann sollen die Jungen herhalten. Reinhold Grund hofft zumindest, daß er von den Jungen die Stimmen für eine historische Reminiszens gewinnen könne, die jene nur aus den Büchern kennen. Deshalb brachte er die Landesregierung schnell mit der Forderung nach der Herabsetzung des Wahlalters in Bedrängnis, und deshalb erklärten CDU und SPD und FDP und NPD innerhalb von vier Wochen auch die Achtzehnjährigen des Landes für stimmberechtigt. Gleichzeitig verpflichteten diese aber auch Udo Jürgens für den Abstimmungskampf.

Was Jürgens nicht schafft, will Senator E. h. Dr. Franz Burda erreichen, nicht mit Burda-Moden, sondern mit dem von ihm und dem Weinheimer Kunststoffproduzenten Dr. h. c. Richard Freudenberg gegründeten Verein "Vereintes Baden-Württemberg". Diese überparteiliche Vereinigung soll die Gegenminen gegen den altbadischen Heimatbund legen und als Aktionsgemeinschaft alle progressiven für den Bestand des Südweststaates engagierten Persönlichkeiten erfassen. Mittelstürmer der Mannschaft soll Sepp Herberger sein, den man aus Hohensachsen an der Bergstraße ausgeliehen hat. Mit anderen "Neuerwerbungen" scheint es allerdings zum Teil ähnliche Schwierigkeiten wie beim Fußballtransfer zu geben.

So sollen die Oberbürgermeister von Karlsruhe und von Freiburg sich nicht bereitgefunden haben, ein Stadt- oder Kreiskomitee des Baden-Württemberg-Vereins zu übernehmen. Und der Landrat von Sindheim, Paul Herrmann, antwortete den Werbern: Oberste Aufgabe sei im Augenblick nicht die Erhaltung des Landes Baden-Württemberg, sondern die Aufklärung darüber, "was dieses Land zum Nachteil seiner Bürger vorhabe". Er ist zwar für Baden-Württemberg; daß aber die Stuttgarter Landesregierung just vor der Baden-Abstimmung auch noch den Kreis Sinsheim auflösen und mit dem Kreis Heidelberg verschmelzen will, das geht dem wackeren "Landgraf" doch zu weit: "Es gibt noch Unabhängige in diesem Staat, die weder honorige Posten noch öffentliche Ehrungen zum Schweigen veranlassen können."

Noch entschiedener brachte Pater Martin aus dem Jesuitenkolleg St. Blasien seinen Unmut zum Ausdruck. Er gründete mit seinen Schülern und Lehrern ein Aktionskomitee Freies Baden, nicht um ein Vorkämpfer der Kleinstaaterei zu sein, sondern um die Neugliederung des deutschen Südweststaates zu erreichen. Im Alt-Badischen Lager scheint man sich diese so vorzustellen: Lieber, die Pfalz von den Badenern annektieren lassen, als Baden von den Württembergern. Verkündigte doch Reinhold Grund, die Badener wollten wieder in ein "echtes Verhältnis zu den Hessen, Pfälzern, Elsässern und Schweizern kommen". Dafür müsse man aber zuerst "Herr im eigenen Haus" sein. Und seinen Landsmann Filbinger, gebürtigen Mannheimer, wohnhaften Freiburger, stempelte er als "württembergischen Statthalter, treuen Vasall und Steigbügelhalter der württembergischen Mehrheit" ab. Auch der Mannheimer Oberbürgermeister Reschke, der sich für die Erhaltung Baden-Württembergs ausgesprochen hatte, wurde von den Alt-Badenern in das Reich der Dunkelmänner verwiesen.

Nun, zunächst haben sie ja gut tönen. Immerhin hat der Bundestag für jeden Wahlberechtigten in Baden 50 Pfennig aus dem Bundessäckel für den Abstimmungskampf in Aussicht gestellt. Das sind rund 1,2 Millionen Mark, die nach der Abstimmung, dem Stimmenanteil gemäß, auf die beiden Abstimmungsvereine verteilt werden sollen. Es scheint, als ob dies für Franz Burda gar nicht schlecht ausginge. Obwohl sie in Mannheim Filbinger mit dem Plakat: "Wir gehen den Schwaben nicht auf den Leim" empfangen haben, sollen sich nach den neuesten demoskopischen Umfragen 81 Prozent der Badener für die Erhaltung Baden-Württembergs und nur acht bis zehn Prozent für die Wiederherstellung Badens ausgesprochen haben.