Jakob reist mit Familie nach Ägypten – das ist eine Miniatur aus der „Toggenburger Weltchronik“. Der Text stammt von Rudolf von Ems. Er schrieb Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts eine Weltgeschichte nach der Bibel und anderen historischen und geographischen Quellen; der Dichter zog mit Konrad IV. nach Italien und starb im Süden, das Werk blieb unvollendet, es bricht ab beim Tode Salomons, mit der stattlichen Zahl von 33 472 Versen. Von der Weltchronik existieren zahlreiche mittelalterliche Abschriften; die Toggenburg-Handschrift wurde 1411 von einem Kaplan Dietrich für den letzten Grafen von Toggenburg hergestellt. Die hundert Miniaturen stammen von einem namentlich nicht bekannten Künstler, der in der Gegend des südlichen Bodensees, vermutlich in Konstanz beheimatet gewesen sein dürfte, Vierundzwanzig dieser Miniaturen sind jetzt in originalgroßen Farbreproduktionen mit Kurzkommentaren und einer Einleitung von Fedja Anzelewsky publiziert worden (Verlag Waldemar Klein und Dr. Rudolf Georgi, Aachen; Halbpergament, 48,–DM) – ein wundervoller Band, ein großes Beispiel spätmittelalterlicher deutscher Buchmalerei, die sich wesentlich von dem eleganten und preziösen Internationalismus der „Kunst um 1400“ unterscheidet.

Der Toggenburger Illuminator ist treuherzig und provinziell, ein bißchen derb und unbeholfen, ohne Sinn für Maß und Form läßt er die Geschichte, die er erzählt, an drei Seiten den Bildrahmen überschreiten, das Zugpferd wird brutal abgeschnitten. Aber der Konstanzer Heimatkünstler ist den feinen burgundischen Miniaturisten darin voraus, daß er sich auf seine eigenen Beobachtungen verläßt, daß er sich von dem mittelalterlichen Schematismus emanzipiert, daß er wenigstens im Ansatz einen kräftigen Realismus erkennen läßt. So reiste man damals von Konstanz nach Zürich, in einem mit grüner Plane bespannten Reisewagen. Der Toggenburger gibt den Reisenden Farbe und Charakter, er malt die Schüchterne und die Neugierige. Die Bäume übernimmt er aus älteren Vorlagen, aber die Tiere finden sein lebhaftes Interesse. Berühmt ist das weiße Sattelschwein mit dem breiten braunen Streifen, das am Bodensee gezüchtet wird, ein Wappentier für den Toggenburger und für den frühen volkstümlichen Realismus.

Gottfried Sello