Von Heinz Josef Herbort

Wie könnte zum Beispiel folgendes klingen? In crescendierendem und diminuierendem Mezzopiano beginnen, auf tiefer Baßlage, 79 Es-Klarinetten einen gurgelnden Lauf; wenig später starten, in einfachem Forte, 37 Pauken auf unbestimmter Tonhöhe und? fortissimo, 563 Kontrabässe in Diskantlage hektische kommen, sche Bewegungen; wieder etwas später kommen, pianissimo, Flächenclusters einer fünffachem hin- und schließlich setzen, in fünffachem Fortissimo, 7 Futurophone ein.

Vorausgesetzt, jemand kann alle diese Ereignisse aus einer Partitur herauslesen; vorausgesetzt, der – man muß jetzt wohl sagen: Leserhörer weiß, wie ein Crescendo und ein Diminuendo ablaufen, wie Es-Klarinetten in Baß- und Kontrabässe in Diskantlage klingen, was Aleatorik ist und was ein Cluster; vorausgesetzt auch, er vermöchte die 79 im Mezzopiano, 37 im Forte, 563 im Fortissimo und sieben in fünffachem Fortissimo spielenden Instrumente zu unterscheiden – was wird dieser Leserhörer tatsächlich hören? Was wird er sich, optisch wie akustisch, vorzustellen versuchen unter einer Makroorgel und sieben Futurophonen, Instrumenten also, die es nicht gibt? Und wie werden schließlich die soeben imaginierten Klänge sich nachträglich noch assoziativ verändern, wenn es in der folgenden Information heißt: „again – thunder is rumbling – traffic is rolling monotonously“?

Ist überhaupt interessant, was wer empfindet, hört, sich vorstellt, wenn er das oben beschriebene Ereignis in dem Buch

Dieter Schnebel: „MO-NO – Musik zum Lesen“; Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 260 S., 26,– DM

in Partiturschrift vorfindet, allgemeiner: wenn er aufgefordert wird, sich an Hand von Texten oder Graphiken in seiner Phantasie Klänge zu vergegenwärtigen oder auch nur seine akustische Umwelt deutlicher wahrzunehmen?

Dies ist ungefähr die Vorgeschichte des Buches: Dieter Schnebel, 1930 in Lahr/Schwarzwald gehören, Studierte Musik, Musikwissenschaft und Theologie, promovierte über das Verhältnis von Rhythmik und Dynamik bei Arnold Schönberg, wurde 1956 Landpfarrer in der Pfalz, 1963 Religionslehrer an einem Frankfurter Gymnasium. Seit 1953 etwa komponiert er, zunächst Kammer- und Orchestermusiken in den damals üblichen Techniken; 1954/55 aber schreibt er schon Quartett-Stücke, in denen ein Dirigent ein rhythmisches Muster anzuzeigen hat, das dem der tatsächlich spielenden Musiker entgegengesetzt ist – Klang, und Szene laufen nicht synchron. 1964 gibt es in Darmstadt seine „Glossolalie“ zu hören, in der Sprachfragmente aus 30 Dialekten zu einer Klangcollage kombiniert sind; „Dt 31,6“ und „AMN“ setzen diese Tendenz zur Emanzipation von Klängen fort.