Von Alex Natan

Am 11. April wird das Pokalfinale in Wembley ausgespielt. In dieser Apotheose des Fußballspiels werden sich in diesem Jahr Chelsea und Leeds United begegnen. Es wird also nicht nur ein Kampf zwischen Nord- und Südengland geben, sondern auch eine Invasion aus den Industriegebieten in die Metropole, die sich mit vielstimmiger Kraft dagegen zu verteidigen zu wissen versteht.

„Up for the Cup“ ist zu einer, Phrase geworden, die längst in die englische Sprache eingegangen ist. Sie ist aber auch ein Teil der englischen Fußballerbschaft; denn das Pokalfinale ist längst zu einem Festtag im sportlichen Kalender und auch längst zu einem gesellschaftlichen Ereignis geworden: seit jenem Apriltag 1914, als der König von England zum ersten Male anwesend war. Als Georg V. auf der Szene erschien, die sich damals noch im alten Crystal-Palace-Gelände auf der Südseite der Themse befand, war die Begeisterung grenzenlos: Der Fußball war salonfähig geworden. Damals kämpften Burnley und Liverpool um die Palme. Die Menschenmassen erkannten es als eine besondere Ehrung, daß der König eine rote Rose im Knopfloch seines Regenmantels trug, das Emblem der Grafschaft Lancashire, aus der beide Endspielmannschaften kamen.

Von jenem Tage an datierte eine veränderte Haltung der Öffentlichkeit zum Berufsfußball. Damals schrieb eine Tageszeitung: „In den letzten Jahren konnte man auf den Zuschauertribünen anläßlich großer Ligabegegnungen Menschen sehen, auf die sich das gefährliche Eigenschaftswort ‚elegant‘ anwenden läßt. Der Berufsfußball bester Klasse kann nicht länger mehr als ein Schauspiel betrachtet werden, das nur für das Proletariat inszeniert wird. Die Anwesenheit des Königs auf dem Pokalfinale, wird der alten snobistischen Ansicht ein Ende setzen, daß wahre Sportsleute Spiele ignorieren müßten, die von Menschen gespielt werden, die es sich nur deswegen leisten können, weil sie für diese ihre Dienste bezahlt werden.“

Das Endspiel im 1923 erbauten Stadion in Wembley ist in gewisser Hinsicht zu einem gesellschaftlichen „Muß“ geworden, von ähnlicher nationaler Bedeutung wie etwa Ascot, das Derby, das Grand National oder Wimbledon. Die Damen zeigen die neuesten Frühjahrshutmodelle, die Herren ihre elegantesten Straßenanzüge. Viele fahren nach Wembley hinaus, um dort gesehen zu werden, obwohl sie herzlich wenig vom Spiel selbst verstehen. Wahrscheinlich ist überhaupt nur ein Drittel der anwesenden hunderttausend Zuschauer voll und ganz vom Spiel absorbiert, und für sie ist der Eintritt ebenso schwierig wie der Weg durch ein Nadelöhr.

Der Haupteindruck für einen Menschen, der niemals in Wembley gewesen ist, ist der eines nationalen Feiertages, eine Folge des zeremoniellen Rituals, das sich über die Jahre hinweg entwickelt hat. Die vereinigten Orchester der Garderegimenter spielen und exerzieren auf dem grünen Velvetrasen. Eine Figur, weiß gekleidet, dirigiert das gemeinschaftliche Singen der Massen. Es gibt dann, wenn zum Beispiel die Hymne „Abide with Me“ ertönt, gewisse Momente, die durchaus religiösen Charakter tragen; und wenige Minuten später folgen die neuesten Pop-Schlager. Es ist schließlich gar nicht so weit hergeholt, Sport und Religion zu vermengen. Der Fußball fand in jenen Zeiten seinen Ursprung, als auf den großen Internaten das Evangelium eines „muskulären Christentums“ gepredigt wurde.

Man kann in Wembley einen Querschnitt englischer Gesellschaft sehen, aus dem weder Königin noch Müllkutscher ausgeschlossen sind. Es ist die Stimme des Volkes, die in Wembley brüllt, und die Tausende, die ihre Pilgerfahrt dorthin unternehmen, folgen nur den ausgetretenen Fußspuren der Vergangenheit. Sie gehören zu diesem Ritual, das am 29. März 1884 begann, als die Invasion von Blackburn das erste Pokalfinale in der englischen Metropole sah. Die Massen aus dem Norden des Landes waren damals in solcher Stimmung, daß sie eine Tageszeitung am folgenden Morgen „als eine nördliche Horde in unsittlicher Kleidung und mit seltsamen Flüchen“ beschrieb, deren Taten denen „eines Stammes losgelassener Kannibalen“ nicht unähnlich schienen. Im Vergleich mit jener Frühzeit des Pokalfinales geht es heute in Wembley ordentlich und routinemäßig zu.

Doch wie auch immer die persönlichen Erinnerungen rangieren mögen oder welche Sensationen auch immer in Wembley passiert sein mögen, wichtig ist wohl der Gesamteindruck, daß nämlich der Fußball ein Spiel des Volks ist, für das Volk und vom Volk leidenschaftlich gespielt.