Von Klaus Menne

München

Manche Müchner reagierten skeptisch. Mit Sätzen wie „Mia kriagn doch in zehn Jahr no koa SPD-Regierung in Bayern“ und „Da Vogel is in München a populärer Mann, aber ’s Land wui nix von am SPDler wissen“, kommentierten sie einem Zeitungsreporter gegenüber eine Meldung, die am Montag vergangener Woche die bayerische Landeshauptstadt aufschreckte: Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel soll auf Wunsch des SPD-Landesvorstandes 1972 seine kommunale Karriere beenden und mit voller Kraft in die Landespolitik einsteigen, um eines Tages Ministerpräsident des weiß-blauen Freistaates zu werden.

Daß der laut Umfrage bekannteste deutsche Oberbürgermeister, dessen zweite Amtsperiode an der Spitze der „Weltstadt mit Herz“ im März 1972, also noch vor Eröffnung der Olympischen Spiele endet, seine politische Laufbahn nicht im Münchner Rathaus zu beschließen gedenkt, war seit langem kein Geheimnis. Immerhin hatte Vogel in der Wahlnacht 1966, als er mit 77,9 Prozent der Stimmen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt wurde, die Ansicht geäußert, nach zwölf Jahren Dienstzeit werde wohl der Zeitpunkt kommen, an dem man sich nach neuen Aufgaben umsehen müsse.

Am 19. März, dem Josefitag, an dem Münchner Bürger traditionsgemäß in die Bräukeller der Stadt pilgern, um dem Starkbier zuzusprechen, traf sich in einem Nebenraum der Landtagsgaststätte im Münchner Maximilianeum der SPD-Landesvorstand, um über die Frage zu diskutieren: Wann tritt „das beste Zugpferd“

(Münchner Merkur) der bayerischen SPD in die landespolitische Manege? Einmütiges Ergebnis: 1972 nach Abschluß der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele. Drei Tage später kamen die bayerischen und die Münchner SPD-Führer zusammen, um die Situation noch einmal zu beleuchten. Trotz erheblicher Bedenken fanden sich die um die Nachfolge besorgten Unterbezirksbosse damit ab, daß der einstige „kommunalpolitische Grünschnabel“, der sich – so TV-Quizmaster Erich Helmensdorfer – „im grandiosen Höhenflug“ emporschwang, in zwei Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Horst im Münchner Rathaus verläßt.

Die Reise in die Landespolitik, mit mancherlei Risiken für den erfolggewohnten Juristen behaftet, war von langer Hand vorbereitet worden. Im Oktober 1967 hatte die bayerische SPD auf ihrem 17. Landesparteitag in Bayreuth Vogel zum Landesvize gewählt. Spöttisch, aber auch ein bißchen beunruhigt, bemerkte der christlichsoziale Bayern-Kurier: „Das Wunderkind tritt die Arena.“ Zugleich bewies das Agitationsorgan des CSU-Vorsitzenden Strauß Weitblick: „Mit der Übernahme des neuen. Parteiamtes demonstriert er auch nach außen seinen Anspruch auf eine politische Laufbahn, die ihn über die Stadt München hinausführen soll.“