Wie ist es möglich, daß Mini, Midi und Maxi so wichtige und bewegende Themen geworden sind? Daß sogar den an Mode völlig uninteressierten Menschen diese Begriffe geläufig sind?

Modewechsel rufen zunächst meist Entsetzen hervor, besonders bei den Männern. Als Christian Dior 1957 seinen „New Look“ mit Wespentaille und unendlich vielen Unterröcken propagierte, wurde er von vielen Frauen glatt abgelehnt. Trotzdem wurden die fünfziger Jahre vom „New Look“ beherrscht.

Es hat auch sehr lange gedauert, bis die Durchschnittsbürger den Minirock akzeptierten. Jetzt behauptet man, es wäre eine sehr schmeichelhafte, jung machende Mode; am Anfang aber war man sich noch bewußt, wie häßlich das Knie sei; und ein bißchen Schamgefühl hatte man auch. Jetzt hat sich jedermann daran gewöhnt, und jetzt wirkt es nur noch lächerlich, wenn jemand an den superkurzen Lendenschurzen Anstoß nimmt.

Die Mütter allerdings werden sich nun langsam etwas merkwürdig vorkommen, wenn ihre Töchter lang verhüllt an ihrer kurzgeschürzten Seite schreiten, und sich fragen: Ist es nicht doch weiblicher und passender, die Rocklänge fallen zu lassen? Schließlich will man nicht „hinten Lyceum, vorne Museum“ sein.

Was die Jugend trägt, ist Kostümierung – ist reinste Verkleidung. Die Londoner King’s-Road-Mädchen ziehen den Plunder ihrer Großmütter an: richtig aus der Mottenkiste. Es ist originell und witzig, genau wie die bodenlangen, schleppenden Maximäntel. Für junge Mädchen gibt es da viel Auswahl an preiswertem Maxi und Midi. Für die etwas anspruchsvolleren Frauen dagegen gibt es fast nichts – nur Mini.

Obwohl die Konfektion genügend Auswahl anbot, waren die Einkäufer ihrer Sache so wenig sicher, daß sie es nicht wagten, auf die Midi-Länge „einzusteigen“; sie setzten weiterhin auf Mini als Nummer Sicher. Diese großen, schon im Herbst gewählten Bestände müssen sie nun irgendwie loswerden, und darum haben sie jetzt einfach kein Interesse daran, die neue Länge zu propagieren. In Amerika, dem Land der Konfektion, ist dadurch für viele Firmen eine echte Krisensituation entstanden. Viele Firmen sind nervös, manche von Panik befallen, weil die Frauen in diesem Jahr nichts kaufen.

Wenn die Midis überzeugend angeboten worden wären, hätten die Frauen sicher nicht gezögert und wären, wie zu allen Zeiten, der Mode gefolgt. Aber nicht einmal die Päpste in Paris waren sich diesmal hundertprozentig klar. Auch sie haben auf beide Pferde gesetzt. Allerdings behaupten sie, sie seien überzeugt davon, daß beide Moden nebeneinander und unabhängig voneinander bestehen können.

Die Einkäufer aber müssen für ihren Kleinmut nun teuer bezahlen. Und eigentlich geschieht’s ihnen recht. Elisabeth Thomas