Von Wolfram Siebeck

In allen Zeitungen stand schon zu lesen, daß man Menschen jetzt in der Retorte züchten könne. Bisher hat sich aber nur die katholische Kirche dazu geäußert. (Sie ist dagegen.) Allen anderen scheint es egal zu sein. Man hört nicht, was die bayerische CSU dazu sagt (wird hier denn nicht wieder ein Stück deutscher Tradition, die Tradition nämlich, eine deutsche Mutter zu haben, kampflos einem bedenklichen Fortschritt geopfert?), und man hört nicht, wie die Dichter darauf reagieren.

Es muß sie doch angehen, die Dichter! Denn nach den Geliebten sind es vor allem die Mütter, die ihre Spuren in der Literatur hinterlassen haben. Was wäre ein Marcel Proust ohne seine Mutter? Gut, er hätte wahrscheinlich kein Asthma gehabt. Aber hätte er ebenso schön über eine Retorte geschrieben? Oder über die Retorte seiner Retorte? Wohl kaum.

Zweifellos wäre es ohne Mütter in den griechischen Tragödien weniger tragisch zugegangen, aber ganz bestimmt auch weniger kurzweilig. ("Oedipus, Schnoedipus – Hauptsach’ du hast deine Retorte liab!", das ginge ja wohl nicht.)

Möglich vielleicht, daß ein moderner Autor wie Nabokov, der seiner Mutter nur den diskretrespektvollen Halbsatz widmete:"Meine sehr photogene Mutter starb durch eine Schicksalslaune (Picknick, Blitz) sich an das unverhoffte Ableben seiner teuren Retorte hätte detaillierter erinnern können: "... entglitt sie den Händen des Dienstmädchens Marie, einem neuralgischen Trampel aus dem Mittelwesten, auf dessen Konto auch eine wertvolle chinesische Vase ging (vermutlich Ming), und zerschellte, elle, am Boden."

Jedenfalls werden wir uns daran gewöhnen müssen, daß künftige Memoirenschreiber nicht selten mit dem Satz beginnen: "Meine Mutter war eine ehrbare Retorte." In den Erinnerungen wird dann nicht mehr von rührenden Mutterhänden die Rede sein, die "jewischt und jenäht" ..." un Zeitungen ausgetragen haben. Retorten haben keine Hände und erheben damit keinen Anspruch mehr auf diese Art von Dankbarkeit, wie Künstler von Dürer bis Tucholsky sie verübt haben.

Was nicht heißen soll, die Mutterliebe sei mit den Retorten dahin. Keiner, der in der Wiege zärtlich "Torta" brabbelte, wird sie verweigern. Ein Retortentag könnte eingerichtet werden (im Juli ist noch was frei), sinnfällig symbolisiert durch Retorten aus Marzipan und Schokolade in den Geschäften. Anhängliche Sohne tragen, von Komplexen nicht länger mehr bedroht, ihre geliebten Retorten unterm" Arm.

Schließlich wird bei zunehmender Retortenzeugung auch der Mißbrauch ausgeschlossen, der noch heute mit den Müttern getrieben wird: Den Wolf möchte ich sehen, der einem Rotkäppchen weismachen kann, er sei eine alte Großretorte.